Der Anfang 2020 gegründete Caracol Verlag der Autorinnen & Autoren soll Schreibenden aus der Schweiz und dem internationalen Bodenseeraum eine Heimat bieten.

Caracol ist spanisch und bedeutet Häuschenschnecke. Caracol nannten die Spanier ein Observatorium in der Maya-Stadt Chichén Itzá (Yucatán/Mexiko), wegen der gewundenen Treppe, die im Innern in die Tiefe führt. Ausblick und Weg nach innen: Für beides ist der Verlag offen.

Caracol ist ein «Haus» für Schreibende wie auch für ihre Leser. Wer schreibt / wer liest, zieht sich ins Schneckenhaus zurück, steigt hinab ins Innere, die Psyche, oder hinauf zum Ausblick über Landschaft und Gesellschaft, Zeit und Welt.

Wir verlegen Prosa und Lyrik. Der Schwerpunkt des Verlagsprogramms liegt auf literarischer Qualität und gesellschaftlich relevanten Themen.

Herbstprogramm 2021

Entdecken Sie unsere neuen Bücher

Windrose – Ein Familienmosaik von Irène Bourquin erzählt die Geschichte(n) einer Familie: Schicksale in der Heimat und das fragile «Glück in der Ferne». Lebensläufe dreier Generationen, im Zeitraffer geschildert, sind Mosaiksteine im Porträt der Familie – eine farbige Lektüre. Wie Drachenfliegen am Meer von Erica Engeler bringt zwei Gedichtzyklen, wovon einer zweisprachig ist, spanisch-deutsch: knappe Zeilen, starke Bilder. Im Grauschlaf stürzt Emil Zátopek von Jochen Kelter enthält in 10 Zyklen neue Gedichte des politisch engagierten Autors. Diese drei Bücher erscheinen im August. Im Oktober folgt Einmal schwamm eine Wildsau im See von Ruth und Pablo Erat: ein Dialog der Erzählerin und Lyrikerin mit dem Typografen und Buchgestalter zu den Bereichen ‹Hierzulande am See›, ‹Im Gebirge› und ‹Meerwärts›.

Buchvernissage Kurt Aebli
Donnerstag, 19. August 2021 im Museum Rosenegg in Kreuzlingen.

Sonntag

Der zufällige Blick eines Vorübergehenden genügt, und die alte Dame, in Wartestellung auf dem Parkplatz, drückt beide Wanderstöcke eng an den Leib, die Handtasche sekundenschnell mit den Augen sichernd. Es ist Sonntag. In den Straßen des Stadtviertels, das ich quere, liegt alles darnieder. Friede, der wie eine unsichtbare Gaswolke alles einhüllt. Gespannte Stille, als ob die Lebenden weggeduckt auf ein erlösendes Zeichen warten würden irgendwo.

Frühjahrsprogramm 2021

Frühjahrsprogramm 2021

Kurt Aebli

Gregor W.

Philosophische Betrachtungen eines Einzelgängers auf dem «Traumpfad» im Wald, seine Beobachtungen als Nachbar sowie als Museumswärter in Teilzeit: Kurze Prosaskizzen umrahmen den Hauptteil dieses Buches, der in Fragmenten vom Scheitern einer Ehe erzählt, pendelnd zwischen Ich- und Er-Perspektive wie auch zwischen Emotionen und rationaler Beurteilung. Es ist die Geschichte der mitverschuldeten Vertreibung aus dem anfänglichen Paradies der Liebe, in eigenwilligem Stil beschrieben für eine andere Liebe: die kleine Tochter des Erzählers.

Frühjahrsprogramm 2021

Frühjahrsprogramm 2021

János Moser

Der Leopardenmeister

Die Texte von János Moser faszinieren durch eine doppelbödige Realität, Wirklichkeit(en), die im Laufe der Erzählung ins Surreale, Absurde kippen. Ein Bruchpilot findet in den Wolken eine Vogelstadt und wird von den geflügelten Bewohnern zum Kriegshelden umfunktioniert. Der Leopardenmeister ist eine schillernde Figur. Der Mond erobert die Erde mit geheimnisvollen Zeichen und kaltem Licht. Ein Feuerwehrmann entdeckt das Volk der Flammen und verliert dabei sein Berufsethos. Im Kraftwerk haust ein riesiger Fisch und im eisernen Käfig über der Rathausgasse hockt – ja, was?

Der Leopardenmeister

Gegen Ende der Woche war der Leopard noch immer nicht aufgetaucht. Allmählich schlichen die verdrängten Zweifel wieder hervor. Auf meine Nachfrage meinte der Meister trocken, das Tier habe wohl Flugangst. Ich lachte über den Scherz, nahm mir aber zugleich vor, bei der Fluggesellschaft anzurufen. Als mir dort erklärt wurde, der besagte Flug sei ohne Probleme verlaufen, wurde ich stutzig. Nach weiteren Telefonaten erfuhr ich, dass zwar «lebendige Fracht» mitgeliefert, diese aber nach Finnland weitertransportiert worden sei.

Mario, 6. Mai, Mittwochnachmittag

Mario machte sich einen Espresso, schon seinen fünften heute. In etwa zwei Wochen sollte der komplette Film fertig sein. Er nahm einen Schluck, stellte dann die Tasse ab und begann, mit seinen Fingerspitzen die Schläfen zu massieren.
Der Termin war nicht verschiebbar. War vom Sender festgelegt. Und auch vom Leben selbst: Johannas Geburt und davor sein Umzug nach Cambridge würden der ganzen Arbeit hier ein Ende setzen.
Langsam wurde der Druck von den Fingern aus seinem Kopf herausgestrichen, schwebte aber noch wie eine Wolke um ihn herum.

Frühjahrsprogramm 2021

Frühjahrsprogramm 2021

Silke Amberg

Plötzlich.

Drei Personen führen abwechselnd, aus verschiedenen Perspektiven, durch diese Geschichte: Fabienne, Redaktionsleiterin in Cambridge, ihr Partner Mario, Filmemacher beim WDR in Köln, und Hanna, die kurz vor dem Abitur steht. Die bisherige Fernbeziehung von Fabienne und Mario ändert sich durch die bevorstehende Geburt ihres Kindes. Auch Hanna hat Probleme. In einer emotionalen, oft beinahe atemlos wirkenden Sprache zeigt Silke Amberg das aufgewühlte Seelenleben ihrer Figuren. Drei Menschen, die einander suchen, zusammen- und voneinander abprallen wie Billardkugeln.

Frühjahrsprogramm 2021

Frühjahrsprogramm 2021

Ruth Loosli

Mojas Stimmen

In ihrem ersten Roman erzählt Ruth Loosli die Geschichte der Witwe Paula und ihrer Tochter Moja, die infolge einer psychischen Erkrankung im Alter von 25 Jahren wieder zum hilflosen Kind wird. Paula schwankt zwischen Entsetzen und Trauer, Hilfsbereitschaft und Wut. Moja schottet sich oft ab, ist unerreichbar in ihrer eigenen Welt, wo sie sich mit ihren «Stimmen» unterhält. Aber Mutter und Tochterkind hängen aneinander – ein prekärer Seiltanz der Emotionen. Psychische Krankheit ist ein Drama, kann aber auch zum Abenteuer werden, gar Humor wecken.

Aus dem Roman «Mojas Stimmen» von Ruth Loosli.

Eiffelturm

Rücken an Rücken lagen Mutter und Tochter im Bett, dessen Matratze durchhing; beide klammerten sich im Halbschlaf mit einer Hand an den oberen Rand. Der unbequeme Schlaf im Wohnzimmer des Onkels wurde hin und wieder gestört durch die Katze, die nachts die offene Wendeltreppe in den ersten Stock hinauf- und hinabsprang. Die Katze Mimi war schon eine ältere Dame, aber lebhaft, agil, geschickt. Am Tag stolzierte sie hochpfotig über Tisch, Buffet, Sekretär, ohne jemals eine der vielen Antiquitäten zu gefährden, die der Onkel, ein begeisterter Sammler, auf jeder freien Fläche angeordnet hatte: Silberzeug, farbige Gläser, kostbares Porzellan, Jadefiguren.
Das kleine Haus stand in Antony bei Paris. Noch ahnte die Katze nicht, dass sie dereinst, im Alter von fast zwanzig Jahren, nach Amerika auswandern und in einem weit größeren Haus ihren Lebensabend genießen würde. […]

Try and catch the wind

Versuch ihn zu fangen den Wind
versuche die Zeit anzuhalten
die Gelegenheit kommt so bald nicht
wieder beim Marsch auf Washington
I had a dream war nie die Chance
so gross die Welt zu verändern einen
Sitz im Bus neben einem Weissen
zu erklimmen die Blechhütten
zu verlassen the times they are
a-changing geht nicht in den Krieg
nach Vietnam für die Kriegsherren
die jedes Mass verlieren auf
euren Knochen sondern help us raise
raise the prisons to the ground
nie sei sie glücklicher sagt Joan Baez
als wenn ihr Einsatz für Menschsein
und die singende Stimme eins würden
Zivilcourage Kunst zu Zivilcourage
wird gesegneter war Amerika nie
seiner hellen schwarzen Seele näher
die Fotografien beinahe vergilbt

Das Trampolin

Als wir Max in London auf seinem Trampolin fliegend seine Geschichte erzählen sahen – das Alleinsein, die Suche, den Augenblick, als ihm eine kleine, weisse Drohne entgegenflog – sagten wir: Ja, das Trampolin tröstet. Und wir erinnerten uns beide an die kleine Elfriede, die sich gewünscht hatte, im Schrebergarten Lupinen auszusäen. Doch ihre Mutter hatte bereits die eine Hälfte mit Gemüse bepflanzt, während ihr Vater auf der zweiten einen Fertigrasen ausgerollt hatte. Zum Essen und für die Gesundheit, hatte die Mutter gesagt. Zum Spielen und für die Fitness, hatte der Vater erklärt, dem Kind einen Katalog in die Hand gedrückt und es hatte mit seiner Kinderschere das grösste Trampolin ausgeschnitten. […]

Orientierung

Im Süden hängt am Himmel
das Kreuz, liegt das brennende
Land aus Eis. Weit nördlich
blühen die Zitronen.

Im Norden sind die Häuser
aus Eis, am Himmel geistert
das Licht. Weit südlich
beginnt auf halbem Weg
die Vernunft.

Der Mauerlæufer ist hervorgegangen aus einer Initiative von AutorInnen rund um den Bodensee. Die erste Nummer des Literarischen Jahreshefts ist 2014 erschienen, Nummer 7 Ende September 2020. Jede Nummer hat ein Thema und bringt eine Vielfalt von Texten, Bildern, Fotos, alles in origineller graphischer Gestaltung.

Für die Schweiz besorgt der Caracol Verlag den Vertrieb. Alle noch lieferbaren Nummern von Mauerlæufer können über uns bestellt werden.

Mauerlæufer 2020 Der fremde Blick

Herbstprogramm 2020

Herbstprogramm 2020

Irène Bourquin | Ruth Erat

Mit erhobenem Paddel

Am Institut für Meeresforschung einer renommierten Hochschule prallen sie aufeinander: Die Bernardi, eine ältere Professorin, anerkannt, aber wenig beliebt, strikt beharrend auf der Freiheit von Lehre und Forschung – und Chris Fatzer, der smarte, skrupellos wendige Jungforscher, Sportler und Frauenheld.

Von den Winkelzügen internationaler Territorialpolitik bis zu den kläglichen Kompromissen der Umweltbewussten: Das Schreib-Ping-Pong der beiden Autorinnen zeugt von ernsthaftem Engagement, aber auch von Humor.

Kajak – eine Kajakfahrt auf dem See, das war unverdächtig. Was der Bernardi im Kajak zuzutrauen war und was nicht, glaubte Sara ziemlich genau zu wissen, seit den Marlborough Sounds. Aber auch auf dem See galt es, die Sache vorsichtig anzugehen. Nicht gleich beim ersten Mal handgreiflich werden. Vertrauen aufbauen. Unbelauschte Frauengespräche am frühen Morgen, kurz nach Sonnenaufgang. Und ein Versuch noch, ein letzter, auf die sanfte Tour. […]

Unter Bisam stellte ich mir damals so etwas wie einen Büffel vor, riesig und zottig, mit großen gebogenen Hörnern und sturem Blick, der schnaubend neben Mama herlief und ihr auf geheimnisvolle Weise zugetan war. Als ich es Jahre später genauer wissen wollte, machte ihn das Lexikon zu einem kleinen, aus Amerika importierten Nagetier, das in Europa angesiedelt wurde, wo es sich die Futterquellen mit Biber und Nutria teile oder zur Pelzherstellung gezüchtet und oft nicht einmal als Bisam erkenntlich gehandelt werde. Das konnte unmöglich derselbe Bisam sein, der in Mamas murmelndem Singsang als toll vom eigenen Duft eine betörende Strahlkraft entwickelte, die auch mich bezauberte. […]

Herbstprogramm 2020

Herbstprogramm 2020

Erica Engeler

Wie ein Bisam läuft

Im Café bemerkt Wanda einen älteren Mann, der sie zu beobachten scheint. Als er an ihrem Tisch vorbeigeht, atmet sie seinen unerklärlich faszinierenden Geruch ein. Später wird Julian ihr Untermieter und es kommt zu einer schwierigen On-Off-Beziehung. Wanda spürt der vagen Vermutung nach, dass Julian einst der Lieblingsklavierschüler ihrer Mutter war.

Knapp, in Andeutungen und doch mit viel Atmosphäre, erschreibt Erica Engeler einen Seelenraum, der sich über die Aussenwelt stülpt.

Herbstprogramm 2020

Herbstprogramm 2020

Jochen Kelter

Fremd bin ich eingezogen

Starke Lyrik eines weitgereisten, politisch engagierten Autors. Jochen Kelter hat seine neuen Gedichte in zehn Zyklen komponiert: ein Streifen der Gedanken und Gefühle durch Zeiten und Räume, Landschaften, menschliche Schicksale, Kämpfe und Kriege. Die Atmosphäre der Orte, wo auch immer auf der Welt, in den Anden, in Asien oder am Bodensee, steigt aus seinen fliessenden Zeilen auf.

Das Private wird politisch und das Politische privat. Die Poesie soll kein «kulturelles Luxusgut» sein, sondern Stellung beziehen.

Segel setzen

Zwischen Land und Wasser
bin ich Heimat los wo ich
die Bootsmasten unsichtbar
auf Rädern und Asphalt hinter
dem Haus in sonnenverglaster
Terrassentür gespiegelt sehe
segellos da will ich Segel setzen
wo sich der schmale See
und seine breiten Arme in das
grüne Land verlaufen aber wohin
da bin ich zwischen Land und
Wasser habe ich kein Land kein
Wasser keinen Ort so will wohin
ich Segel setzen gegen alle Winde

Zeichnung von Isabella Looser aus dem Lyrikband von Thomas Heckendorn

Herbstprogramm 2020

Herbstprogramm 2020

Thomas Heckendorn

DANKEUNDAUFWÜRDESEHN

Charlies Ball, der Erdball, verliert Luft. Das Echo des Dichters auf die Conditio humana und den heutigen Zustand unserer Welt hallt nach in aufmerksam Lesenden. – Ein moderner Totentanz.

Zeichnungen von Isabella Looser begleiten das Nachsinnen während der Lektüre dieser Gedichte, deren kompakte Schreibweise an römische Inschriften erinnert.

Herbstprogramm 2020

Herbstprogramm 2020

Eriks Reise

Reinhard Albers

Drei Geschichten behandeln die Themen Reisen, Abschied und Neuanfang. Sie zeigen, dass man, gleichgültig, wie weit man um den Erdball reist, seinem Schicksal nicht entfliehen kann. Reinhard Albers startet mit seinem Buch die Reihe WortArt, deren Werke bezüglich Gestaltung und Format an keine Vorgaben gebunden sind. Dies ermöglicht Reinhard Albers als Autor, Typograph und Buchgestalter eine noch intensivere Arbeit mit seinen Geschichten, indem er sie selbst zu einem individuellen, harmonischen Zusammenspiel von Text, Layout und eigenen Illustrationen vereint.

Erik's Reise

Erik spürt Kälte und eine Kraft, die ihm den Boden unter den Füßen wegzieht und ihn nach oben katapultiert; obwohl er selbst nicht hätte sagen können, ob er oben oder unten ist. Die räumlichen Dimensionen haben sich verändert. Die Wassermasse bildet einen eigenen Raum. Plötzlich blickt er in den grauen Himmel über sich, während er vom Wasser weitergetragen wird. Vor ihm ein Haus, von dem nur noch das Dach und ein Kamin aus den Fluten ragen. Am metallenen Kaminrohr ist ein entwurzelter Baum hängen geblieben, auf den steuert Erik geradewegs zu. […]

ABERNICHTAUFSPATZENTRETEN.
NICHTDIEWILDENBIENENKILLEN.
NICHTDIEGEGENDPLASTIFIZIEREN.
NICHTDASEISDERBÄRENSCHMELZEN.
NICHTKÜKENSCHREDDERNUNDKINDERENTSELBSTEN.
NICHTLEBENZÄHLENUNDNICHT
DENREISBREIVONDENKLEINENSTEHLEN.
DUHATTESTSIEBENWÜNSCHE.
DASWARENACHT

Lesefutter für Zuhause

Futterhäuschen

Im Futterhäuschen finden Sie alle Texte, die von Ende März bis Anfang Mai 2020 als «Lesefutter für Zuhause» auf der Startseite unserer Verlagswebsite erschienen sind.