Der Anfang 2020 gegründete Caracol Verlag der Autorinnen & Autoren soll Schreibenden in der Schweiz und darüber hinaus eine Heimat bieten.

Caracol ist spanisch und bedeutet Häuschenschnecke. Caracol nannten die Spanier ein Observatorium in der Maya-Stadt Chichén Itzá (Yucatán/Mexiko), wegen der gewundenen Treppe, die im Innern in die Tiefe führt. Ausblick und Weg nach innen: Für beides ist der Verlag offen.

Caracol ist ein «Haus» für Schreibende wie auch für ihre Leser. Wer schreibt / wer liest, zieht sich ins Schneckenhaus zurück, steigt hinab ins Innere, die Psyche, oder hinauf zum Ausblick über Landschaft und Gesellschaft, Zeit und Welt.

Wir verlegen Prosa und Lyrik. Der Schwerpunkt des Verlagsprogramms liegt auf literarischer Qualität und gesellschaftlich relevanten Themen.

Frühjahrsprogramm 2022

Frühjahrsprogramm 2022

Fred Kurer

Wenn Träume träumen könnten

Dieses Buch enthält Texte – Schriftdeutsch und Dialekt – aus drei Lyrikbänden von Fred Kurer. Die von Christoph Ferber ausgewählten und übersetzten Gedichte wurden von Irène Bourquin neu zusammengestellt. Zudem hat Aurelio Buletti einen kleinen Kurer-Zyklus in den Tessiner «Bähnler-Dialekt» übersetzt.

Kurers Themen: Fernweh und Heimat, «kleine Abstecher» in Europa oder Nordafrika und lange Aufenthalte in den Wüsten Australiens, der Säntis und die Familie, Liebe und «Altersblues», Nachdenken über die menschliche Existenz, ironisch, witzig, melancholisch, immer in einer lebendigen Sprache mit vielen Untertönen.

haiku

wa mi fertig macht
a somene haiku isch
chum isch es fertig

scho fangsch wieder aa
sibezä silbe zele
drom schriib i kais me

haiku

ciò che mi secca
in un haiku è quando
lo hai finito

conti riconti
sillabe diciassette
no dici basta

Das ist die Welt.

Das Stück spitzt sich auf diesen einen Satz zu, das Publikum hat sich während zwei Stunden darauf vorbereitet. Die Regie gibt dir die Möglichkeit, ihn im hellen Licht an der Rampe zu deklamieren. Du atmest ein, in diesem Moment, als bliebe die Zeit stehen, du siehst dir vom Schnürboden aus zu, das Publikum ist gespannt auf den Satz, der jetzt folgen muss, den alle kennen. In diesem Moment. Jetzt. Du flüsterst ihn heute. Es passt so. Und dann rauscht der Applaus. Du hast das Theater schon verlassen, als sich dein Körper noch verbeugt.

Frühjahrsprogramm 2022

Frühjahrsprogramm 2022

Matthias Müller

Auf der Schaukel der Sprache

Diese Sammlung von kurzen Prosatexten bezeichnet Matthias Müller als «Zeitraffer-Meditationen». Sprache ist hier Ausdruck des grossen Panta rhei – und doch pflückt sie erinnernd Jetzt-Momente eines Du, verschiedener Dus in verschiedenen Lebensphasen.
Von der Sprache sich erzählen lassen, was man denkt und fühlt, wer man ist, was Zeit ist, was Leben: Der philosophische Ansatz, in dem das Fliessen der Sprache eins wird mit dem Fliessen der Zeit, dem Überblenden von Erinnerungen, hat in diesen Kurztexten eine Fülle von Leben zu bieten

Frühjahrsprogramm 2022

Frühjahrsprogramm 2022

Markus Bundi, Erika Frey Timillero, Oskar Pfenninger, Jolanda Piniel, Viola Rohner, Regine Schaaf, Barbara Traber

Anatomie eines Dreiecks

Dieser Erzählband vereint Prosa von sieben Autorinnen und Autoren. Es wurde bewusst kein Thema vorgegeben, sodass die Schreibenden mit einem breiten Spektrum an Geschichten aufwarten. Erika Frey Timillero beleuchtet in der titelgebenden Erzählung Anatomie eines Dreiecks die Gefühlskonflikte von Tom, Pilar und Iris, die in einer Dreiecksbeziehung gefangen sind. In Markus Bundis Geschichte Die Fee vom Bodensee eröffnet Annegret nach einem Urlaub in Bulgarien die Wohlfühloase «The Rufa», in der sie und ihre Knabberfische Körper und Seele heilen, doch eines Tages verschwindet die Fee spurlos.

War doch eben noch Sommer

[…] Die Frau auf der Wiese jenseits des Flusses winkt herüber. Sie hüpft. Sie singt. Weil sie jung ist, weil sie vielleicht glücklich ist, weil ihr, was sie macht, gefällt und gelingt, weil sie das Leben liebt und nicht an den Tod denkt, weil da, wo sie lebt, kein Krieg ist, weil sie ihren Beruf liebt, ihr Kind und dessen Vater, wer weiß, jeden Tag vielleicht noch ein bisschen mehr. Die Frau ist glücklich, weil sie glücklich ist. Ihr Glück könnte auch erfunden sein. […]

Staub

[…] Er fällt auf all die verwinkelten Straßen Zamaleks. Ihr Asphalt ist von ihm vollständig bedeckt und sie sehen fast aus wie Feldwege. Die fliegenden Händler, immer im Kaftan, die an den Kreuzungen auf Holzkarren Waren anbieten, passen in dieses Bild. Sie verkaufen Früchte und Gemüse. Süßkartoffeln, die in kleinen Holzöfen auf offenem Feuer gegart werden. Ihr erdiger Geruch verbreitet sich im ganzen Quartier und lockt Kundschaft an, die sich die Knollen aus der Glut holen lässt. Rasch werden sie auf kleine Plastikteller bugsiert und mit einer geübten Bewegung aufgeschnitten. Aus ihrer kohlschwarzen Haut leuchtet ihr betörendes, orangefarbenes Inneres. […]

Mutters Gericht

[…] «Was hast du uns denn Feines gekocht?»
«Seeteufel. Der teuerste Fisch im ganzen Laden. Hat mich meine Ohrringe gekostet.»
«Machst du Witze?»
«Sehe ich so aus?», fragt sie und wendet die Fischmedaillons in der Pfanne.
«Bist du verrückt? Brauchst du Geld? Ich kann dir …»
«Ich brauche dein Geld nicht!», fällt sie ihm ins Wort. «Ich habe schließlich noch meinen Schmuck. Was soll ich denn sonst damit anstellen? Soll ich vielleicht Christbaum spielen und mich im Spiegel bestaunen?» […]

Die Fee vom Bodensee

[…] Annegret machte vor vielen Jahren mit Freundinnen Urlaub in Bulgarien, und zwar auf der Halbinsel Nessebar. Sie hatte mir vom Ausflug nach Istanbul, wie sie über das Wasser geschwebt seien in diesem Schnellboot, erzählt. Geblieben waren ihr auch die Rosenfelder, die Düfte der Blüten und Extrakte, und sie zeigte gern Fotos eines Felsenklosters, das sich im Landesinnern befand. Am meisten beeindruckt aber hatten sie die Garra Rufa, die in der Altstadt Nessebars in kleinen Aquarien gehalten wurden. Kleine Schwärme, die an nackten Menschenfüßen knabberten. Ein bis dahin ungekanntes Kribbeln habe sie erfahren an Knöcheln, Fußsohlen und zwischen den Zehen. […]

PANGÄA

Ein Meer ein
Kontinent. Es war einmal Bärlapp
Gingko
Schachtelhalm. Die
erste Blüte unter der Sonne
das erste Krabbeltier. Es war heiss
es waren Wüsten Monsunregen
und es waren Korallen. Das
Fächeln der Farnpalmen
am Strand

Frühjahrsprogramm 2022

Frühjahrsprogramm 2022

Monika Schnyder

DRIFT

Unter dem vieldeutigen Titel DRIFT hat Monika Schnyder in ihrem neuen Lyrikband sechs Gedichtzyklen zusammengestellt: Plagegeister, Tiflis, Brot&Bier, Cupido, Krokodilopolis, Doggerland. Die Lektüre führt vom Jetzt zurück in prähistorische Zeiten. Lesend spürt man den Sog der Jahrtausende.

Schnyders Schreiben ist geprägt von einem starken Interesse für wissenschaftliche Fakten, aber ebenso von Humor und Witz, speziell bei historischen Verweisen. Sie schreibt in schwingenden Rhythmen. In den neusten Texten lösen sich die Zeilen auch graphisch in freie Rhythmen auf.

Frühjahrsprogramm 2022

Frühjahrsprogramm 2022

Gabrielle Alioth

Seapoint – Strand

Die Schweizer Autorin Gabrielle Alioth lebt seit bald 40 Jahren in Irland, im County Louth an der Ostküste, nördlich von Dublin. Täglich frühmorgens geht sie mit ihrem Hund am nahen Strand spazieren, der Seapoint heisst. Was sie dort sieht, erlebt und ersinnt, zeigt dieses Buch in 52 Bildern, begleitet von 12 Prosatexten in Deutsch und Englisch.
Die Fotos der Autorin, zu einem Jahresablauf angeordnet, reichen von Detailaufnahmen wie Seesternen, Spuren am Strand über eindrückliche Wasser- und Wolkenlandschaften hin zum Lichtspiel der Sonne und bis zu fast abstrakt wirkenden Bildern der Morgendämmerung. – Der Strand ist Realität und Mythos zugleich.

2

[…] Clíodhna muss gewusst haben, dass sie mit Ciabhán nicht auf der Insel bleiben konnte. Sie flohen im Boot mit dem Kupferbug. Als sie in einer Bucht anlegten, ging Ciabhán in den Wald, um einen Hirsch zu erlegen. Da kam Manannán mac Lir mit vierzig Schiffen, um Clíodhna zurückzuholen. Ichnu der Flötenspieler spielte sie in den Schlaf, und das Meer erfasste sie. Seither trägt jede zehnte Welle in dieser Bucht Clíodhnas Namen.
Die Welt unter Wasser muss von einem grünlichen Licht erfüllt sein. Früher fanden Fischer manchmal Apfelblüten in ihren Netzen oder einen goldenen Becher. […]

Wales

du gelbschnäblige möwe
über dem rand der klippen von St. David’s
treibst mich fast bis zum letzten

der gleiche wind
der uns greift und schüttelt
treibt dich federleicht als vogel
und lässt dich schweben

und

beim beäugen des meers
überfällt uns beide ein hunger
den dieses stillen könnte

dich schon
mich nicht

Mauerlæufer 2020 Der fremde Blick

Der Mauerlæufer ist hervorgegangen aus einer Initiative von AutorInnen rund um den Bodensee. Die erste Nummer des Literarischen Jahreshefts ist 2014 erschienen, Nummer 7 Ende September 2020. Jede Nummer hat ein Thema und bringt eine Vielfalt von Texten, Bildern, Fotos, alles in origineller graphischer Gestaltung.

Für die Schweiz besorgt der Caracol Verlag den Vertrieb. Alle noch lieferbaren Nummern von Mauerlæufer können über uns bestellt werden.

Seidenbrautschau

[…] 1920 bestieg der Großvater in Japan wieder den Ozeandampfer: Sechs Monate Heimaturlaub standen bevor. Im umfangreichen Gepäck führte er einen Ballen Seide mit für das Brautkleid seiner zukünftigen Frau, obwohl er nicht wusste, welche Holde er heiraten könnte. In Zürich besuchte er seine Mutter, und beim Teetrinken griff das Schicksal ein: Ein Ahnenbild an der Wand warf dem Junggesellen bedeutungsvolle Blicke zu. «Der Ahne auf dem Bild hat mich noch nie SO angeblickt», sagte er verblüfft und etwas verwirrt zu seiner Mutter. […]

Herbstprogramm 2021

Herbstprogramm 2021

Irène Bourquin

Windrose

Das Mosaik aus kurzen Prosatexten erzählt die Geschichte(n) einer Familie: Schicksale in der Heimat und das fragile «Glück in der Ferne», vom Jura bis in die Ostschweiz, von Zürich bis Paris und Oslo, Yokohama bis New York, von der Bretagne bis nach Indien. Drei Generationen treten auf, ein Jahrhundert vergeht, doch die einzelnen Lebensläufe werden im Zeitraffer geschildert, sind Mosaiksteine im Porträt der Familie. Wie die Farben in einem Mosaik erscheinen die Figuren in wechselnden Konstellationen und auch die Zeit ist nicht linear, sondern ein Mosaik. Die erzählten Schicksale berühren mit erstaunlichen Wendungen, tragischen Ereignissen, aber auch heiteren Episoden.

Herbstprogramm 2021

Herbstprogramm 2021

Erica Engeler

Wie Drachenfliegen am Meer

Dieser Lyrikband von Erica Engeler enthält zwei Zyklen: Der eine ist rein deutschsprachig, der andere trägt den Titel Aus dem Zweiflussgebiet: Gedichte in Spanisch und Deutsch, nicht übersetzt, sondern in zwei Sprachen geschrieben von der Autorin, die ihre Kindheit und Jugend in Argentinien verbracht hat. Die Kindheit im Urwald, in der abgelegenen Provinz Misiones, klingt bis heute nach in einer tiefen Verbundenheit mit der Natur, mit Pflanzen und Tieren. Noch immer streifen die Tiere des Urwalds durch ihre Träume. – Auch in Europa steht Erica Engeler der Macht der Natur gegenüber, in Begegnungen mit Bergen.

La penumbra congrega
a los animales del espanto
que deambulan por senderos
imprevisibles.

*

Die Dunkelheit sammelt
ihre furchterregenden Tiere
und lässt sie auf unsichtbaren
Pfaden wandeln.

Sommeranfang

Wasser des Sees flaschengrün
Himmel von tiefstillem Blau
weisse Wolken einzeln wie ins
Bild dazu gemalt gelbe Rosenbäume
in Gärten wie nur Gelb sein kann
rote Rosensträucher an den Rainen
Fröschequaken in heller Dämmerung
Schwarzbäume unter hohem Himmel
als sei die Zeit nun endlich
sei sie stillgestanden als käme uns
nichts mehr abhanden kämen uns
nie mehr abhanden die Zeit sei
angekommen das schöne Bild
und andernorts nur Bomben bersten
uns hier das schöne Sommerbild

Herbstprogramm 2021

Herbstprogramm 2021

Jochen Kelter

Im Grauschlaf stürzt Emil Zátopek

Der neuste Lyrikband von Jochen Kelter bringt wieder 10 Zyklen von je 7 Gedichten. Der Buchtitel weist auf zentrale Themen hin: Der tschechoslowakische Langstreckenläufer, mehrfache Olympiasieger und Weltrekordhalter Emil Zátopek (1922–2000) fiel in Ungnade infolge seines Engagements für den Prager Frühling, stieg ab, wurde aber 1989 rehabilitiert. Kelters neue Lyrik ist geprägt von der Melancholie des Alters, aber ebenso von Melancholie und Wut angesichts verlorener politischer Ideale, des Scheiterns hoffnungsvoller Ansätze für eine bessere, lebenswerte Welt: «Poeme bestehen aus / Wörtern die die Zeit ritzen».

Herbstprogramm 2021

Herbstprogramm 2021

Ruth & Pablo Erat

Einmal schwamm eine Wildsau im See

Dieses Buch bringt zu den Bereichen Hierzulande am See, Im Gebirge und Meerwärts kurze Erzählungen und Lyrik von Ruth Erat und semantische Typografien von Pablo Erat. Es befasst sich mit Landschaften, die Ruth und Pablo Erats Leben und Arbeiten geprägt haben. Der Bodensee ist das Gewässer der Kindheit, sein internationaler Kulturraum das Gebiet des Alltags. Das Gebirge zeigt sich als Landschaft des Herkommens, aber auch einer unbekannten Fremde, während das Meer im Süden und Norden einen Sehnsuchtsraum zwischen Rom und dem Polarkreis ausmisst.

Orientierung

Im Süden hängt am Himmel
das Kreuz, liegt das brennende
Land aus Eis. Weit nördlich
blühen die Zitronen.

Im Norden sind die Häuser
aus Eis, am Himmel geistert
das Licht. Weit südlich
beginnt auf halbem Weg
die Vernunft.

Heimatfront

[…] Das Jus-Studium des sportlichen Velofahrers wurde durch zahlreiche militärische Einsätze immer wieder unterbrochen. In strengen Wintern kletterte er als Soldat, später als Wachtmeister, vereiste Leitern hinab, um Brücken zu kontrollieren. Den Soldaten war bewusst, dass mit den plombierten Zügen, die oben über die Eisenbahnbrücken ratterten, während die Uniformierten sich unten an die Leitern klammerten, etwas nicht stimmen konnte. Aber da war ein allgemeines Schweigen. […]

Lesefutter für Zuhause

Futterhäuschen

Im Futterhäuschen finden Sie alle Texte, die von Ende März bis Anfang Mai 2020 als «Lesefutter für Zuhause» auf der Startseite unserer Verlagswebsite erschienen sind.