Anatomie eines Dreiecks


Dieser Erzählband vereint Prosa von sieben Autorinnen und Autoren. Es wurde bewusst kein Thema vorgegeben, sodass die Schreibenden mit einem breiten Spektrum an Geschichten aufwarten. Erika Frey Timillero beleuchtet in der titelgebenden Erzählung Anatomie eines Dreiecks die Gefühlskonflikte von Tom, Pilar und Iris, die in einer Dreiecksbeziehung gefangen sind. In Markus Bundis Geschichte Die Fee vom Bodensee eröffnet Annegret nach einem Urlaub in Bulgarien die Wohlfühloase «The Rufa», in der sie und ihre Knabberfische Körper und Seele heilen, doch eines Tages verschwindet die Fee spurlos. Jolanda Piniel präsentiert fünf Geschichten, teils skurril, teils philosophisch. Regine Schaaf durchwandert in ihren Texten das Leben von der Jugend bis ins Alter im Zeitraffer. Oskar Pfenninger gewährt in seinen Prosaskizzen Einblicke ins Japan der 1960er-Jahre. Viola Rohner lädt in ihrer Kairo-Skizze Staub zu einem Rundgang durch das heutige Zamalek ein. Barbara Traber sollte einst Das Luxusbett anpreisen, ergründete aber stattdessen die Bedeutung von wahrem Luxus.

Textauszug

Anatomie eines Dreiecks

Auf dem Foto sind Pilar, Iris und er abgebildet. Er sitzt steif auf einem Stuhl, wie ein Häuptling auf dem Thron. Der Ausdruck in seinem Gesicht ist eine Mischung aus Stolz und Einfalt, fast schämt er sich jetzt dafür. Iris posiert links, Pilar rechts von ihm. Pilar trägt die Haare hochgesteckt und hat ein buntes Tuch darum gewickelt. Mit den hohen Absätzen und dem Turban überragt sie Iris um ein paar Zentimeter, dabei war sie um einen Kopf kleiner. Ihr Blick ist ernst, fast so, als richtete sie ihn in die Zukunft. Iris hat ihr Sphinx-Lächeln aufgesetzt. Sie trägt die Bluse mit den großen Blumen, die sie aus einem alten Vorhang genäht hat. Tom erinnert sich, wie sich der grobe Stoff an den Händen anfühlte.

  • Erika Frey Timillero

Die Fee vom Bodensee

Annegret machte vor vielen Jahren mit Freundinnen Urlaub in Bulgarien, und zwar auf der Halbinsel Nessebar. Sie hatte mir vom Ausflug nach Istanbul, wie sie über das Wasser geschwebt seien in diesem Schnellboot, erzählt. Geblieben waren ihr auch die Rosenfelder, die Düfte der Blüten und Extrakte, und sie zeigte gern Fotos eines Felsenklosters, das sich im Landesinnern befand. Am meisten beeindruckt aber hatten sie die Garra Rufa, die in der Altstadt Nessebars in kleinen Aquarien gehalten wurden. Kleine Schwärme, die an nackten Menschenfüßen knabberten. Ein bis dahin ungekanntes Kribbeln habe sie erfahren an Knöcheln, Fußsohlen und zwischen den Zehen.

  • Markus Bundi

Mutters Gericht

«Was hast du uns denn Feines gekocht?»
«Seeteufel. Der teuerste Fisch im ganzen Laden. Hat mich meine Ohrringe gekostet.»
«Machst du Witze?»
«Sehe ich so aus?», fragt sie und wendet die Fischmedaillons in der Pfanne.
«Bist du verrückt? Brauchst du Geld? Ich kann dir …»
«Ich brauche dein Geld nicht!», fällt sie ihm ins Wort. «Ich habe schließlich noch meinen Schmuck. Was soll ich denn sonst damit anstellen? Soll ich vielleicht Christbaum spielen und mich im Spiegel bestaunen?»

  • Jolanda Piniel

War doch eben noch Sommer

Die Frau auf der Wiese jenseits des Flusses winkt herüber. Sie hüpft. Sie singt. Weil sie jung ist, weil sie vielleicht glücklich ist, weil ihr, was sie macht, gefällt und gelingt, weil sie das Leben liebt und nicht an den Tod denkt, weil da, wo sie lebt, kein Krieg ist, weil sie ihren Beruf liebt, ihr Kind und dessen Vater, wer weiß, jeden Tag vielleicht noch ein bisschen mehr. Die Frau ist glücklich, weil sie glücklich ist. Ihr Glück könnte auch erfunden sein.

  • Regine Schaaf

Winterwanderung

Während ich auf Lins Rückkehr wartete, tauchte bergwärts ein schlanker, mittelgroßer Hund mit pechschwarzem Fell und großen, lappigen Ohren auf. Er blieb auf dem Weg stehen und fixierte mich. Konnte er es wagen, an mir vorbeizulaufen? Er brauchte lange, um zu einem Entschluss zu kommen. Schließlich fasste er Mut und rannte los. Aber nach einigen Sätzen blieb er stehen. Zu gefährlich! Er war ratlos, bewegte sich nicht. Aber er musste an mir vorbei, er wollte hinab ins Tal. Auf der einen Wegseite war der tief ins Tal eingeschnittene wilde Bergbach, auf der anderen steil der Berg. Er konnte mich nicht umgehen.
Ich rückte so weit wie möglich zur Seite. Er bemerkte es, rannte wieder los und rannte diesmal an mir vorbei. Ich blickte ihm nach, wie er wie ein Gehetzter talwärts verschwand. Was hatte ihn in solche Angst versetzt? War es, weil ich ein Fremder war, einer aus dem Westen? Oder hielt er mich für einen Berggeist?

  • Oskar Pfenninger

Staub

Er fällt auf all die verwinkelten Straßen Zamaleks. Ihr Asphalt ist von ihm vollständig bedeckt und sie sehen fast aus wie Feldwege. Die fliegenden Händler, immer im Kaftan, die an den Kreuzungen auf Holzkarren Waren anbieten, passen in dieses Bild. Sie verkaufen Früchte und Gemüse. Süßkartoffeln, die in kleinen Holzöfen auf offenem Feuer gegart werden. Ihr erdiger Geruch verbreitet sich im ganzen Quartier und lockt Kundschaft an, die sich die Knollen aus der Glut holen lässt. Rasch werden sie auf kleine Plastikteller bugsiert und mit einer geübten Bewegung aufgeschnitten. Aus ihrer kohlschwarzen Haut leuchtet ihr betörendes, orangefarbenes Inneres.

  • Viola Rohner

Das Luxusbett

Er stellte das Tässchen mit Goldrand vor mich hin und begann, lange technische Erklärungen abzugeben über Design, Optik, Königsdisziplin, Ausgestaltung, Taschenfederkernmatratzen, Boxspringbetten, Kopfteile, Unterfederung, motorisch verstellbare Lattenroste, während ich versuchte, im Kopf passende Titel für den Artikel zu formulieren: Wie man sich bettet, so liegt man. Oder vielleicht: Das Bett, das schönste Möbelstück seit der Erfindung der Horizontalen. Nein, das klang zu kompliziert, vielleicht wäre das als Subline geeignet, dachte ich – einige Fachausdrücke der Werbebranche waren mir inzwischen geläufig –, es ging vor allem darum, das Interesse der Kunden zu wecken für das EINE besondere Bett, eine edle Neukreation, ein Premiumbett, das höchste Ansprüche erfüllte.

  • Barbara Traber