Das Alphabet des Archaeopteryx


Das Alphabet des Archaeopteryx
Das Alphabet des Archaeopteryx
Gedichte
112 Seiten
12 × 20.5 cm
August 2022
Reihe: Caracol Lyrik, Band 8
978-3-907296-19-6
  • 20 CHF
  • 18 €
Lieferbar

Der Archaeopteryx als Übergangsform passt gut zu diesen Texten, die oft zwischen Prosa und Lyrik stehen, zwischen Literatur und Philosophie. Typisch für den Autor sind auch sich ineinander (ver)schiebende Zeiten, Epochen, Gedankengänge. Er denkt oft in Bildern, manchmal Traumbildern; dabei hat er sich überschlagende Einsichten. Clemens Umbricht spickt seine dichten Texte mit Anspielungen auf Kulturgeschichte und bekannte Figuren der Vergangenheit wie der Gegenwart. Lesend kann man sich in des Autors verschlauften Assoziationen verlaufen – und das durchaus geniessen. Umbrichts Hauptgeste beim Schreiben ist das Hinterfragen. Beim ernsthaften Nachdenken findet er auch humorvolle Bilder und Selbstironie ist ihm nicht fremd:

Und das Nichtgeschriebene, flink wie ein Tempelaffe
der den Baum der Erkenntnis hochklettert.

Der neue Lyrikband umfasst sieben Kapitel: Heute, nicht aufgeschoben entführt die Lesenden in vorgestellte Gedankenwelten verschiedenster Figuren. Fata Morganen der Wirklichkeit versammelt atmosphärisch dichte Reiseerinnerungen oder Reisevorstellungen, Reiseträume. Schnee verbrannt im Wunderland zeugt vom Denken in Bildern. Profile von lange davor enthält Gedanken zu, von, aus Gemälden und Fotos. Buch der Könige versammelt erheiternde Texte über Typen, deren Ebenbilder man in der Realität, der Zeitgeschichte ahnt und sucht, darunter «Der König der Irrtümer», «Der König des Zögerns», «Der König der Widerrede». Aus der Ahnung der Wörter überdenkt ein «Leben als Leser». Archiv der Zwischenrufe ist eine Sammlung von Vierzeilern – Berichte von Gedankenreisen, Selbstbefragungen: «Das Icholot ausgepackt.».

Textauszug

Der Tunnel

In der Spiegelung der Bahnhofsuhr
springen die Zeiger rückwärts.
Ich bin wieder einmal zu spät
und rufe mein zukünftiges Ich an.
Auch der nächste Zug ist schon da.

Sollte die Bahn einmal pünktlich sein,
wird das nackte Chaos ausbrechen.
Aber es ist Morgen, und ich habe Zeit.
An der Haltestelle ausserhalb des Fahrplans
gibt es kostenlose Bonuspunkte.

Ich will aussteigen und sie einsammeln.
Wieder einmal täusche ich mich.
Das Einkaufszentrum ist geschlossen,
und der Tunnel ist noch ein Stück länger.
Es gilt, die Alpen zu durchqueren.

Blauer Schnee funkelt auf den Seen.
Das alles kann nur ein Alptraum sein!
Ich habe die Augenbrauen einer Stoffeule
und erwäge meine Alternativen.
An die Party der Lokomotivführer gehen?

Nochmals mein zukünftiges Ich anrufen?
Schwer zu sagen, wer abnehmen wird.
Party? Zukunft? War das nicht gestern?
Ich wirke deeskalierend auf mich ein.
Ich muss auf der Höhe der Zeit bleiben.

Bois de Boulogne

Felix Vallotton

Die Leichtigkeit des Frühnachmittags
nach dem Konzert im vollen Pavillon.
Jetzt sind sie allein, weit und breit niemand.
Sich in den Baumkronen spiegeln,
so lautlos und wirklich möchte er sein.
Auch die Vögel glucksen leise wie der Teich.
Einfach hier stehen, mit dem Stock
auf den vermoosten Karpfen zeigen
und die nächsten hundert Jahre meditieren.
Andererseits, ein paar Schritte gehen
und den Kopf lüften nach der lauten Musik,
dazu brauchte es kein Überreden.
Aber dann schwiegen sie vor sich hin,
sie mit dem weißen Sommerkleid,
er mit den verpassten Möglichkeiten.
Nur einmal haben sich ihre Schultern berührt,
vielleicht vor zehn, zwanzig Jahren?
Der Realismus, flüsterte sie, ohne
ihn anzusehen, erzählt stets die Geschichte
der Anderen; ich lebe in der Plastizität
des Wirklichen, in der Unabgeschlossenheit
des Möglichen; auch ich bin hier richtig.
Das konnte niemand gehört haben,
auch Vallotton nicht, der vielleicht
dreißig, vierzig Meter von ihnen
entfernt im Schatten stand und sicher
seit einer Ewigkeit lauschte.

Rezensionen

Die Hintergründe der Hintergründe

Die komplexen Bildwelten und Gedankenwendungen aus Clemens Umbrichts Band Das Alphabet des Archaeopteryx lohnen eine mehrfache Lektüre. In einem reichen Verweisungszusammenhang berühren diese Gedichte uralte Fragen wie «Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Wer sind wir?»
Sie vertiefen diese Fragen, erschliessen Hintergründe ihrer Hintergründe, öffnen ungewöhnliche Prospekte, brechen festgefahrene Perspektiven auf und beflügeln die Reflexion. Dieser Band ist auf jeden Fall ein Gewinn.

  • Florian Vetsch
in Saiten – Ostschweizer Kulturmagazin am 25. September 2022 (Website)

Nach jedem Gedicht hat er mehr verstanden

Einige Gedichte des 62-Jährigen handeln auch von Kunstwerken, die er als Ausgangspunkte für seine imaginären Reisen nutzt; wobei es ihm wichtig ist, anzumerken, dass es ihm nicht um reine Bildbeschreibungen gehe, sondern um Untersuchungen der eigenen Wahrnehmung. Auf die Bitte hin, eines dieser Gedichte vorzulesen, entscheidet er sich sich für «Bois de Boulogne», bei dem er, wie er sagt, als Autor weit über das konkrete Bildmotiv hinausgeht und dem Maler Vallotton eine aktive Rolle zuweist: «Er, der Maler, ist der Lauscher im Gedicht. Aufgrund dessen kommt es zu einer Überschreitung der Realität des Bildes.»
Im Gedicht heisst es: «Der Realismus, flüsterte sie, ohne / ihn anzusehen, erzählt stets die Geschichte / der Anderen.»
Es sind gerade diese Überschreitungen, die Lust auf mehr machen.

  • Karsten Redmann
in Thurgauer Zeitung am 19. September 2022
in St.Galler Tagblatt am 19. September 2022 (Website)