Die Flügel der Anderen


Die Flügel der Anderen
Die Flügel der Anderen
Roman
248 Seiten
12 × 20.5 cm
September 2023
Reihe: Caracol Prosa, Band 10
978-3-907296-24-0
  • 25 CHF
  • 25 €
Lieferbar

Raffael Rihs schildert berührend das Leben und die Entwicklung des jungen Antihelden Serafin Meier. Der verschlossene Einzelgänger weiss nicht recht, was er mit seinem Leben anfangen soll. Er möchte Blogger sein, aber ihm fehlt ein eigenes, spezielles Thema. Seine Ausbildung an der Journalistenschule – und parallel dazu bei einer Lokalzeitung – begeistert ihn nicht.

In den Mittagspausen spaziert Serafin durch die Altstadt und macht jedes Mal in der Buchhandlung halt, wo er die Mitarbeiterin Cleo kennenlernt. Die aufgeweckte junge Frau fasziniert ihn. Mitten im Semester der Jounalistenschule stösst zudem Ronnie, passionierter Kletterer und Wintersportler, zur Klasse. Er platziert sich an Serafins Tisch und in seinem Leben. Fortan wird Serafin sowohl von der hübschen jungen Buchhändlerin als auch vom redseligen Schulkameraden in verschiedener Weise aus der Reserve gelockt, aus seiner Komfortzone, zu der das Schweigen und seine kleine Wohnung gehören.

Zwölf kürzere «Logbuch»-Einträge berichten zeitversetzt von Serafins Aufenthalt im Tessin. Auf den «Flügeln der Anderen» findet er zur Natur – und zu sich selbst.

Raffael Rihs beleuchtet in mehreren Handlungssträngen das Leben eines Millenials in der Krise. Der Diskurs über Digitalisierung und digital detox ist aktuell. Der Autor spürt in seiner Geschichte unter anderem der Frage nach, wie ein gesunder Umgang mit permanenter Präsenz, Smartphone und Social Media aussehen könnte.
Rihs’ Protagonist durchlebt einen Wandel, sein Leben verändert sich beruflich wie privat in kurzer Zeit radikal. Trotz der ernsten Thematik ist der Text gespickt mit humorvollen Dialogen und Situationskomik, präsentiert in einer lebensnahen, authentischen Sprache.

Textauszug

Serafin hatte sich gut eingepackt, damit ihm das garstige Wetter nichts anhaben konnte. Schon lange hatte er den Weg verlassen. Er wollte so tief wie möglich ins Herz des Waldes vordringen. Während er ging, lauschte er der Geräuschkulisse, die ihn umgab und nahm mit Genugtuung zur Kenntnis, dass kein einziger Laut menschengemacht war. Dieses bunte Treiben ohne Zutun seiner eigenen Spezies hatte etwas Tröstliches. Hier mitten im Wald spielten die Eitelkeiten der Stadt keine Rolle. Sie hatten schlicht keine Gültigkeit. Liefe Serafin nackt herum, nichts und niemanden würde es kümmern. In diesem Refugium musste er keiner Seele etwas beweisen. Er war sich selbst überlassen. Was ihn andernorts ängstigte, fühlte sich hier gut an. Er konnte befreit aufatmen. Es schien, als würde die erdig frische Luft – sie war süffig wie Bergquellwasser – ihn von innen reinigen. Sie stärkte ihn, aktivierte ihn. Sie versorgte den ganzen Organismus mit Energie. Und das war nötig, denn diesmal schlug sein Herz so irre schnell, weil er sich bis ans Limit verausgabte. Er schwitzte und keuchte, weil es einen Grund dafür gab. Körper und Geist waren eins. Sie arbeiteten zusammen – füreinander statt gegeneinander. Und deshalb blieb Serafin in Bewegung und pushte sich unaufhörlich.
Irgendwann, Serafins Kopf dampfte schon von den Strapazen der Wanderung, trat er an einen umgestürzten Baum heran. Der mit Moos bewachsene Stamm lag da wie ein schlafender Riese. Das Wurzelwerk türmte sich mannshoch in den Himmel. Am anderen Ende verlor sich der Baum über einem Abhang. Kurzerhand bestieg Serafin das Ungetüm und balancierte nach vorne. An der Spitze blieb er stehen und sah sich um. Auf einmal, er wusste selbst nicht warum, heulte er los wie ein Wolf. Es kam einfach so aus ihm heraus. Es war ein langer, ausgedehnter Ruf, der ein leises Echo nach sich zog. Nach einem Wimpernschlag der Stille übernahmen die Vögel wieder, als wäre nichts geschehen.

Dieses Buch wurde gefördert von

  • Stadt Winterthur, Departement Kulturelles und Dienste, Bereich Kultur