Einmal schwamm eine Wildsau im See


Einmal schwamm eine Wildsau im See
Einmal schwamm eine Wildsau im See
Texte & semantische Typografien
Gestaltung Pablo und Lukas Erat
152 Seiten
20 × 21 cm
Dezember 2021
Reihe: Caracol WortArt, Band 2
978-3-907296-12-7
  • 34 CHF
  • 30 €
Lieferbar

Dieses Buch bringt zu den Bereichen Hierzulande am See, Im Gebirge und Meerwärts kurze Erzählungen und Lyrik von Ruth Erat und semantische Typografien von Pablo Erat. Es befasst sich mit Landschaften, die Ruth und Pablo Erats Leben und Arbeiten geprägt haben. Der Bodensee ist das Gewässer der Kindheit, sein internationaler Kulturraum das Gebiet des Alltags. Das Gebirge zeigt sich als Landschaft des Herkommens, aber auch einer unbekannten Fremde, während das Meer im Süden und Norden einen Sehnsuchtsraum zwischen Rom und dem Polarkreis ausmisst.
Darin tauchen Menschen auf, Träumerinnen und Arbeitssuchende, Erzählerinnen und Wandernde. Eine Wildsau schwimmt im See, ein Ehepaar marschiert endlos weiter, ein Christbaum geht über Bord, an der Grenze zur Schweiz stossen Freunde zufällig auf das Märchen vom Machandelboom, in der Schattenkammer geht Tag für Tag die Titanic unter und im Einfamilienhausgarten tröstet ein Trampolin.

Dabei stossen Unvereinbarkeiten aufeinander, tauchen Fragen auf, die über den Text hinausreichen. Manches verwundert, anderes löst vielleicht ein Lachen oder ein Kopfschütteln aus und wieder anderes schreckt auf.
Poetisches und Politisches, Aussichtsloses und Stimmungsvolles, Erzählerisches und Erstaunliches zetteln ein Gespräch an, wie es die Erzählerin und der Typograf, die Lyrikerin und der Buchgestalter in den letzten Jahren immer wieder führten – weniger diskutierend als je einzeln und miteinander gestaltend.

Textauszug

Das Trampolin

Als wir Max in London auf seinem Trampolin fliegend seine Geschichte erzählen sahen – das Alleinsein, die Suche, den Augenblick, als ihm eine kleine, weisse Drohne entgegenflog – sagten wir: Ja, das Trampolin tröstet. Und wir erinnerten uns beide an die kleine Elfriede, die sich gewünscht hatte, im Schrebergarten Lupinen auszusäen. Doch ihre Mutter hatte bereits die eine Hälfte mit Gemüse bepflanzt, während ihr Vater auf der zweiten einen Fertigrasen ausgerollt hatte. Zum Essen und für die Gesundheit, hatte die Mutter gesagt. Zum Spielen und für die Fitness, hatte der Vater erklärt, dem Kind einen Katalog in die Hand gedrückt und es hatte mit seiner Kinderschere das grösste Trampolin ausgeschnitten. Eine Woche später stand dieses neben dem Pflanzbereich auf dem Rasen. Darauf sprangen die Nachbarskinder hoch, liessen sich auf den Rücken fallen, versuchten einen Salto, lagen lachend auf dem Sprungtuch. Elfriede sass daneben und klatschte. Dann griff sie sich an den Rücken, tastete, mit der einen, dann mit der anderen Hand nach ihren Schulterblättern. Ja. Sie waren noch da: diese Flügelstummel. Sie würde fliegen. Demnächst. Dass die Eltern gesagt hatten, das seien gewöhnliche Schulterblätter, hiess nichts.

Semantische Typografien

Rezensionen

Hinausfliegen könnte man

Ruth Erat mag es, Geschichten zu erzählen, die offenbleiben, die ihre Kraft nicht aus einer simplen Pointe, sondern aus der erzählerischen Dichte und eindringlichen Bildern beziehen.

[…]

Landschaftliche Poesie blitzt immer wieder auf in der Kurzprosa und den dazwischen gestreuten Gedichten des Bandes. Aber meist geht es um Menschen und Schicksale, mehr skizziert als ausgebreitet.

Man liest vom Kind, das überzeugt ist, mit seinen Flügelstummeln irgendwann fliegen zu können. Von Frau Müller in der Nachbarswohnung, die eigentlich Irmeli Korhonen heisst, aus Finnland kommt und einmal den Christbaum vom Balkon schmeisst, aber auch von Akkordarbeit der Frauen bei Saurer in Arbon, vom Grenzzaun in Kreuzlingen und Hitler-Attentäter Georg Elser, der hier gefasst wurde.

[…]

In die Ortserkundungen bricht gelegentlich auch die Tagespolitik ein, der Nahostkonflikt oder 9/11, das die Erzählerin im süditalienischen Gaeta mehr verpasst als erlebt. Politisches und Privates sind bei Ruth Erat so wenig zu trennen wie Erfindung und Erlebtes.

  • Peter Surber
in Saiten – Ostschweizer Kulturmagazin am 18. Januar 2022 (Website)

Leselandschaften

Das Buch, im instagrammable Quadratformat, enthält zahlreiche Texte von Ruth Erat, Texte zwischen Kurzgeschichte, Momentaufnahme und Lyrik.
Einzelne Elemente davon, Sätze, Wörter und Fragmente, bilden die Grundlage für die illlustrative Gestaltung des Buchs mit farbigen Typografien.

[…]

Müsste ich die Texte mit Bildern vergleichen, fiele mir Salvador Dalí ein oder René Magritte. Bilder, die manchmal auf Anhieb klar scheinen und deren Klarheit sich mit dem zweiten Blick auflöst.
Andere Texte wirken wie Polaroids mit Momentaufnahmen, die Leser:innen vielleicht an an etwas erinnern, vielleicht auch nicht. Je nachdem, welche ähnlichen Erfahrungen sie mit der Polaroid-Besitzerin teilen.

  • Bettina Schnerr
in thurgaukultur.ch am 14. Januar 2022 (Website)

Von Arbon aus meerwärts

Es ist ein schöner Band geworden, der zweite in der Reihe «WortArt» des noch jungen Thurgauer Verlags Caracol: Fast quadratisch im Format, ein biegsam weicher Broschur-Einband mit Innenklappen – nicht nur die Typografie passt hier wie das Tüpfelchen aufs I.

[…]

Die Typografien des Buchs sind das lyrische Spätwerk eines engagierten, leidenschaftlichen Werbegrafikers. Leichthin verbindet er Fels und Meer, lässt bildlich Wolken über Nepal schweben oder eine Frau ihre Stilettos in Händen halten. Neu geschrieben hat Ruth Erat vor allem kleine, zupackende oder überraschend davonfliegende Texte. «Das sind gerade meine Favoriten», sagt sie.

[…]

Romantisiert, idyllisch verkitscht wird der See jedoch nie: Stattdessen verspricht bereits der Titel des im Dezember erschienenen Buchs Geschichten mit Sinn fürs Skurrile, buchstäblich «saugut» Beobachtetes oder Erfundenes. Personen und Orte seien leicht oder zuweilen auch stärker verfremdet, doch: «Alle diese Texte haben zumindest einen Fuss in der Realität.»

  • Bettina Kugler
in Thurgauer Zeitung am 13. Januar 2022
in St.Galler Tagblatt am 13. Januar 2022 (Website)