Fremd bin ich eingezogen


Fremd bin ich eingezogen
Fremd bin ich eingezogen
Gedichte
112 Seiten
12 × 20.5 cm
August 2020
Reihe: Caracol Lyrik, Band 1
978-3-907296-02-8
  • 20 CHF
  • 20 €
Lieferbar

Starke Gedichte eines weitgereisten, politisch engagierten und belesenen Autors, der sich zu Hause am Bodensee, in einer Oase des Friedens, fühlt wie «Ikarus an Land»:

unsichtbare Vögel zwitschern aus
noch unbegrünten Bäumen irgendwo
löst sich ein Schuss hörbare Stille
befreit die Seele so nah doch so fern
der immer aufgebrachteren Welt

Jochen Kelter hat seine neuen Gedichte in zehn Zyklen komponiert: ein Streifen der Gedanken und Gefühle durch Zeiten und Räume, Landschaften, menschliche Schicksale, Kämpfe und Kriege. Der Autor spürt «Die Trauer der Dinge» und die eigene Trauer über Vergangenes, Verlorenes oder im raschen Lauf des Lebens nur Gestreiftes. Die Atmosphäre der Orte, wo auch immer auf der Welt, in den Anden, in Asien oder am Bodensee, steigt aus seinen fliessenden Zeilen auf.
Das Private wird politisch und das Politische privat. Kelter sieht die Bruchlinien der Geschichte, die Verheerungen des Kolonialismus, sieht, wie alte Dämonen wieder die Köpfe heben. Schreibend führt er auch Dialoge mit anderen: Politiker, Schriftsteller, Künstler. Dazwischen hin und wieder ein stilles Zwiegespräch mit der Landschaft. Das Glück: Oasen-Momente in einer entgleisten Welt.

Schreibe dem Wesen der Dinge
Zeile für Zeile den Ton deiner

Seele ein deiner Zeit und das
Grauen der Macht die allein
sichtbar werden im Licht einer
denkenden Pupille auf dem Papier

Die Poesie soll kein «kulturelles Luxusgut» sein, sondern Stellung beziehen. Schreiben als politisches Engagement – das ist bei Jochen Kelter nie Agitprop, sondern immer starke Lyrik.

Textauszug

Güímar

Die weiße Wolke einsam
am strahlenden Himmel
blau zwischen gezackten
Gipfeln da oben dem Meer
da unten Kaktusbäume
haushoch Bougainvillea
immergrün Drachenbäume
den Hang immer hinunter
streunende Stille fernes
Gekläff an welchem Geäst
eines Gummibaums welcher
Kaktee ist meine Kindheit
hängengeblieben die Zukunft
wozu aber Fragen an diesem
geschenkten Wintertag weit
draußen im fernen Atlantik
und jene weiße Wolke
schwindet schon nicht wahr
wie die Erinnerung im Wind

Rezensionen

Jenseits der Wohlfühlzone

[…] Die bourgeoise «Käfighaltung» Schuberts und zwangsläufig Wilhelm Müllers ist tödlich. Weil tödlich unauthentisch und langweilig. Da wirkt Jochen Kelters Gedichtband «Fremd bin ich eingezogen» wie eine Lebensspritze. Diesen krass traurigen Anfang in der Originaltonart D-Moll durchwirkt der Dichter aus Ermatingen mit dem Dammbruch des Elends in den Norden.

Der Gier der Stahlbarone, Krieg und Elend. Der biedermeierliche private Herzschmerz ist in der Welt aufgewacht. So traurig und so gut. Denn was ist schon privat in unserer Gegenwart. Bei diesen Gedichten schläft keiner nach fünf Takten.

Der weitgereiste Lyriker nimmt sowohl politisch wie historisch kein Blatt vor den Mund. Er scheut sich auch nicht, Paraphrasen über grosse Vorbilder zu gestalten. Das Gedicht «Celan» haut einem die ganze Epoche rund um den Weltkrieg um die Ohren. […]

Auch in der dicht verpackten lyrischen Wut schwingt Metrik und Klang, wenn man die Strophen ein paar Mal liest. […]

Dann gibt es da diese traumverlorenen, aus der Zeit fallenden Schönen wie «Wolke und Murmeln», die auf eine subtile Art, wie fast anno 1827 Trauer, Liebe und Sehnsucht transportieren.

Franz Schubert hätte dieses Gedicht sicher gerne vertont. Es sind noch Lieder zu singen jenseits der Menschen, sagte Paul Celan. Jochen Kelter kann beides. Das ist gute Wortmusik aus dem Thurgau.

  • Barbara Camenzind
in thurgaukultur.ch am 16. Dezember 2020 (Website)

Er nimmt kein Blatt vor den Mund

Der Ermatinger Jochen Kelter hat einen neuen Lyrikband veröffentlicht, schmal und dicht. Mit dem titelgebenden Gedicht «Fremd bin ich eingezogen» zitiert er den Beginn von Schuberts «Winterreise» – er fühlt ähnlich wie Wilhelm Müller in seinen Versen eine zunehmende Entfremdung von seiner Umwelt. Und Kelter komponiert den Band auch ähnlich, versammelt je sieben Gedichte in zehn Zyklen, von «Die Trauer der Dinge» über «Fremd bin ich eingezogen» bis zu «Repetition». Doch während in der «Winterreise» lediglich subtile Kritik am bestehenden System erkennbar ist, schreibt Kelter vehement dagegen an und nimmt nie ein Blatt vor den Mund: «Um die Welt ist es ziemlich / übel bestellt», heisst es in «Selbstporträt»; im Zyklus «Kolumbianische Exkursion» ist das lyrische Ich ein heimatloser Reisender und ist die Rede von jenen, «die mit dem Zuckerrohr auch / ihr Leben auspressen». Da ist kaum Naturlyrik und schon gar keine Beschaulichkeit, da ist die Rede von Auschwitz, zockenden Ganoven, Gangstern, SS-Sturmbannführern. Jochen Kelter verzichtet fast immer auf Interpunktion und zwingt so zu langsamem Lesen, der Zeilenfall ist keinem Versmass geschuldet. Und da ist kein Wort zu viel – in seinem neuen Band reduziert und verdichtet Kelter noch mehr als früher: «der Mensch / ist wankelmütig die Poesie konsequent».

  • Dieter Langhart
in Thurgauer Zeitung am 26. November 2020 (PDF)
in St.Galler Tagblatt am 26. November 2020 (Website)

Melancholie, Wut, Bezauberung

[…] Der aus der «Winterreise» entlehnte Titel ruft die moderne Melancholie auf, da existentielle Befangensein im Selbstzweifel, in der Ahnung vom Ende und die Trauer über Verluste, sei’s der Kindheit, sei’s der Hoffnung nach humaner Solidarität. Himmel, Wolken, Mond, See, gängige Motive der lyrischen Melancholie werden attributlos variiert und bestücken eine «Seelenlandschaft» […]

Kelters freie Verse in eher kurzen Strophen verknüpfen die Melancholie mit der «Haltung» politischer Lyrik, in der an die Orte der Barbarei, des Schreckens erinnert wird (Auschwitz, Smolensk, Litauen, Gulag) und an die Unmenschlichkeiten der Gegenwart, hierzulande, in Äthiopien, in Kolumbien und überall […] Unmissverständlich ist der Appell: «Segel setzen gegen den Wind»; «widerständig sein»; «keiner / soll so will ich mehr einen Fuß / auf den Hals eines anderen setzen». Eine Metapher, deren brutale Realität uns jüngst erschüttert hat.

Die Nennung Paul Celans weist auf eine dritte Seite von Kelters Lyrik – nicht nur dieses Bandes: die Tradition der «dunklen Rede», einer absoluten Sprache, einer das Gegenständliche übersteigenden Magie. Suggestion, Klangbetörung, ergreifender Sound. Als Vorbilder für die ästhetische Faszination werden Maler genannt: Klee, Courbet, Rembrandt, Piero della Francesca. […]

  • Hermann Kinder
in seemoz am 14. September 2020 (Website)