Gregor W.


Gregor W.
Erzählung
168 Seiten
Reihe: Caracol Prosa, Band 6
978-3-907296-08-0
  • 22 CHF
  • 22 €
Lieferbar ab 9. April 2021

Philosophische Betrachtungen eines Einzelgängers auf dem «Traumpfad» im Wald, seine Beobachtungen als Nachbar sowie als Museumswärter in Teilzeit: Kurze Prosaskizzen umrahmen den Hauptteil dieses Buches, der in Fragmenten vom Scheitern einer Ehe erzählt, pendelnd zwischen Ich- und Er-Perspektive wie auch zwischen Emotionen und rationaler Beurteilung. Es ist die Geschichte der mitverschuldeten Vertreibung aus dem anfänglichen Paradies der Liebe, in eigenwilligem Stil beschrieben für eine andere Liebe: die kleine Tochter des Erzählers.

Gregor W. kann als dritter Band einer Trilogie gelten, denn der Protagonist ist schon in früheren Büchern des Autors aufgetreten: Unter dem Namen Wellenberg in Der ins Herz getroffene Punkt (Engeler 2005), als Gregor im Band Der Unvorbereitete (Engeler 2009). Im neuen Buch heisst Kurt Aeblis Alter Ego nun Gregor W. Seine Geschichte wird konzentriert, skizzenhaft und doch eindringlich weitererzählt, wobei es manchmal scheint, als würde der Autor seinem Alter Ego beim Schreiben über die Schulter schauen. Schicksalhaft im Hintergrund steht zudem Heinrich von Kleist.

Textauszug

Aus dem Kapitel «Plötzlich ist Weiß keine Farbe mehr»

Schatten

Eine ganz blasse Sonne durchdringt den Nebel und wirft auf den Waldweg vor mir einen Schatten, der zu einem auf seine Verwandlung in einen Körper wartenden Schatten zu gehören scheint. Ein eiskalter Morgen, halb zugefroren der See, und doch in Flammen alles. Von der Schönheit, die der Mensch fast überall empfindlich beeinträchtigt oder endgültig vernichtet, ist alles noch da. Hat sich alles genommen, der Mensch, und alles ist noch da.

Aus dem Kapitel «Adagio»

Die noch nicht ganz Dreijährige kann mit der ein Jahr alten Lea auf Basis bloßer Laute sich verständigen. Zwar bereits in der Lage, ordentliche Sätze zu bilden, ist sie doch noch weit davon entfernt, richtig sprechen zu können. Ausdrucksformen hingegen, die dem Sprechen unmittelbar vorausgehen, dieses ankündigen und vorbereiten, es aber auch zuweilen beinah als überflüssig erscheinen lassen, sind bei ihr nach wie vor präsent und werden virtuos eingesetzt. Was Gregor wahrhaft begeistert, ist aber der Umstand, daß die Lautsprache selbst ihm noch so weit vertraut ist, daß er mit der Kleinen mühelos in einer Art Zungenreden sich unterhalten kann, wobei spontan geformte phantastische Wortbildungen und ganze Perioden in Wechselrede nur so aus Tochter und Vater heraussprudeln, ohne daß einer dem andern ins Wort fällt.

Aus dem Kapitel «Heinrich und Henriette»

Du sollst hier wohnen. In ihrem Kinderstuhl sitzend sagte sie, als ich nach dem gemeinsamen Abendbrot vom Küchentisch aufstand, um mich zu verabschieden, leise nur den einen Satz. Es war das erste Mal, daß sie in der Sache sich zu Wort meldete, und es geschah nach ihrer unverwechselbar kindlichen Art. Der unmißverständlich darin enthaltene Wink, daß sie übergangen worden war, machte mich sprachlos. An meiner Stelle sagte Viola, Papa hat jetzt doch eine eigene schöne Wohnung, und darauf ich: Willst du mich bald mal wieder besuchen kommen. Erwachsenengeschwätz. Als ob dem Einspruch in Form eines Gebotes irgendetwas entgegenzusetzen oder auch nur hinzuzufügen wäre: Aussage, wie in Stein gemeißelt. Im Alter von dreieinhalb Jahren hat sie längst begriffen, daß sie ihren Willen manchmal durchsetzen kann, wenn sie laut genug tobt und schreit. Jetzt aber nur der Satz, der eine, und danach blieb sie ganz still.

***

Wenn Leidenschaft nicht mehr im Vordergrund steht, Stück für Stück der Verstand die Führung wieder übernimmt, zwischen Du und Ich eine klare Grenze ziehend, heißt es irgendwann: Du und Ich, wir passen nicht zueinander. Und zumal Menschen in der Tat niemals zueinander passen wie linker und rechter Schuh, gehen sie auseinander. Schuhe können das ja nicht. Viola lebt in ihrer eigenen Welt, von der seinigen komplett verschieden. Als habe es zwischen ihr und Gregor W. nie eine Gemeinsamkeit gegeben. Das Kind scheint in ihren exklusiven Besitz übergegangen zu sein.

***

Wer einen Menschen liebt, sieht ihn so, wie Gott ihn gemeint hat. Was Dostojewski mit dem Satz sagen will, ist evident, überlegt Gregor W. Man kann lange nachdenken über den Satz. Er verliert nie seine Wirkung, er führt direkt ins Ziel. Man könnte ihn in alle Sprachen übersetzen und er würde überall klingen wie Musik.