Luftleer


Luftleer
Luftleer
Roman
180 Seiten
12 × 20.5 cm
April 2024
Reihe: Caracol Prosa, Band 13
978-3-907296-30-1
  • 23 CHF
  • 23 €
Lieferbar

Louise ist spurlos verschwunden. Mia versinkt nach dem unerklärlichen Verlust ihrer Lebenspartnerin in die Leere. Während einer Reise in den Norden Deutschlands lernt sie die Lektorin Katharina kennen. Fasziniert von der zurückhaltend hartnäckigen Frau, findet Mia allmählich wieder Zugang zu ihren lange erstickten Gefühlen.

Durch ein Manuskript, das Katharina sichtet, taucht Mia in die Geschichte von Aaron ein und findet in ihm eine Spiegelfigur. Der junge Architekt, von seinem ersten eigenen Projekt überfordert, wird mit existentiellen Fragen konfrontiert. Der einzige Anker ist seine gute Freundin Gianna. Als ihm sein Alltag allmählich entgleitet, entschließt er sich zum Eintritt in die Psychiatrie. Sein Aufenthalt in der Klinik wirft ein kritisches Licht auf die psychiatrische Krisenintervention.

Mia öffnet sich Katharina und erzählt ihr von Louises Verschwinden. Auf die erste Erleichterung folgt ein Moment der Überforderung, woraufhin Mia ohne Abschied zu nehmen in die Schweiz zurückkehrt. Mias beste Freundin Marlene bringt sie als Aushilfe in einer Kunstausstellung unter, da sie wegen ihres überdehnten Urlaubs ihren Job verloren hat. Unerwartet steht allerdings Katharina vor Mias Tür.

Tina Schmid behandelt in ihrem Roman wichtige Themen wie Depression und Selbstverletzung. Wie geht man mit dem Verschwinden einer geliebten Person um, was tun, wenn man sich so lange in der Schwebe befindet? Tina Schmid schildert direkt, aber berührend die emotionalen Zustände ihrer Figuren Mia und Aaron, deren Handlungsstränge sie geschickt zu einer Spiegelwelt verflicht, sodass die Charaktere von Roman und «Roman im Roman» teilweise verschmelzen.

Textauszug

An diesem Tag war sie früh aufgestanden, noch bevor die Sonne die ganze Stadt aufgeweckt hatte. Sie war mehrere Stunden ziellos durch die Straßen gegangen. In Gedanken versunken. In die unaufhörlich wiederkehrenden Gedanken an sie. Manchmal bildete sie sich ein, dass sie weg waren. Doch nur, um hinter der nächsten Hausecke wieder aufzutauchen und sie zu vereinnahmen. Manchmal vermengten sich die Erinnerungen und waren schwer fassbar. Teile, die nicht zusammenpassten. Erst als sie sich – am Meer angekommen – auf eine Bank gesetzt hatte, hatte sie ihre Erschöpfung bemerkt. Sie hatte die Augen geschlossen und die Beine von sich gestreckt.

«Darf ich?»

Die Stimme neben ihr hatte sie zusammenzucken lassen. Kurz hatten sie sich angelächelt. Ihr Lächeln war echt gewesen. Ein flüchtiges Lächeln im Vorbeigehen mochte sie. Gespräche mit Unbekannten hingegen verabscheute sie. Eine Unruhe hatte sich in ihr ausgebreitet. Neben fremden Menschen zu sitzen machte sie nervös. Sie hatte die Augen von neuem geschlossen, um zu signalisieren, dass sie keinesfalls ein Gespräch führen wollte. Die Entspannung hatte sie nun definitiv vergessen können. Die Vorstellung, angeschaut zu werden, während sie ihre Augen geschlossen hielt, war ihr unangenehm. Sie hatte den Kopf in die Richtung der Frau gewandt. Diese war in Unterlagen vertieft und hatte nicht aufgeblickt. Sie war dunkel gekleidet. Ihren Mantelkragen hatte sie bis übers Kinn gezogen und die Ärmel hatten nur die Fingerspitzen freigelassen. Fingerspitzen. Zehenspitzen.

Die Lippen der Frau hatten sich bewegt, hatten lautlos die Wörter des Textes geformt. In welcher Welt hatte sie sich wohl in jenem Augenblick befunden? Sie war neugierig geworden, hatte aber nicht zu fragen gewagt. Zudem wäre es ihr wie ein Gewaltakt vorgekommen, sie zurückzuholen. Weg von irgendwo. Zuvor hatte sie sich geärgert, gestört worden zu sein und im nächsten Augenblick war sie berührt gewesen. Hatte sie Neid verspürt? Sie schaffte es nicht mehr, länger zu lesen. Zwar lag immer ein Buch auf dem kleinen Tisch neben ihrem Bett und manchmal öffnete sie es sogar. Doch bereits nach wenigen Sätzen schweiften ihre Gedanken ab. Ihre Augen folgten zwar noch den Zeilen, der Inhalt erreichte sie aber längst nicht mehr. Sie war zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um sich auf eine Phantasiewelt einzulassen. Oder hatte etwas ganz Anderes sie in diesem Moment die Frau so gebannt anschauen lassen? Nach einer Weile hatte diese eine Tüte aus ihrer Manteltasche gekramt und ihr geröstete Maronen angeboten.

«Magst du auch eine?»

Röte war ihr ins Gesicht gestiegen.

«Ja, gern», hatte sie hervorgestoßen und nach einer Marone gegriffen, nachdem ihr ein bekräftigendes Nicken dies erlaubt hatte. Normalerweise nahm sie kein Essen von wildfremden Menschen an. Viel zu intim. Sie hatte gespürt, dass sie eine Grenze überschritten hatte.

Dieses Buch wurde gefördert von

  • Kanton Zürich, Fachstelle Kultur