Mit erhobenem Paddel


Mit erhobenem Paddel
Mit erhobenem Paddel
Eine Romaneske
Cover: Graphische Gestaltung von Ruth und Pablo Erat
120 Seiten
12 × 20.5 cm
August 2020
Reihe: Caracol Prosa, Band 1
978-3-907296-00-4
  • 20 CHF
  • 20 €
Lieferbar

Am Institut für Meeresforschung einer renommierten Hochschule prallen sie aufeinander: Die Bernardi, eine ältere Professorin, anerkannt, aber wenig beliebt, strikt beharrend auf der Freiheit von Lehre und Forschung – und Chris Fatzer, der smarte, skrupellos wendige Jungforscher, Sportler und Frauenheld.
Eine schwierige Position hat Sara Winterstein, Privatdozentin, Filmerin und Greenpeace-Aktivistin, aber mit Chris liiert. Als Moritz auftaucht, ein eigenwilliger Aussteiger und Ex-Banker, sieht Sara neue Möglichkeiten. Gleichzeitig behält sie die Chris umkreisenden Doktorandinnen im Auge: die rothaarige Alina, die Finnin Leonie.
Von den Winkelzügen internationaler Territorialpolitik über das abgeschottete Reich der Bank-Pinguine und die Verheerungen des Massentourismus bis zu den kläglichen Kompromissen der Umweltbewussten: Das Schreib-Ping-Pong von Irène Bourquin und Ruth Erat zeugt von ernsthaftem Engagement, aber auch von Humor.

Textauszug

11

Die Bernardi würde eher expandieren als emeritieren, hatte Chris gesagt. Seine diesbezüglichen Versuchsballone habe sie zwischen Tür und Pult abgeschossen. Sie sei zäh, da dürfe man sich keine Illusionen machen. Wie eine Manganknolle eben. Aber korrekt. – Ohne diese ständige Balgerei um Forschungsgelder wäre er natürlich viel freier, könnte er ideologisch anders agieren …

Sara hatte die Untertöne gehört. Chris war also für Greenpeace nicht verloren. Man könnte nachhelfen, vorsichtig, unauffällig. Die Professorin auf die Rainbow Warrior einladen, bei Sturmprognose: nur notfalls.
Kajak – eine Kajakfahrt auf dem See, das war unverdächtig. Was der Bernardi im Kajak zuzutrauen war und was nicht, glaubte Sara ziemlich genau zu wissen, seit den Marlborough Sounds. Aber auch auf dem See galt es, die Sache vorsichtig anzugehen. Nicht gleich beim ersten Mal handgreiflich werden. Vertrauen aufbauen. Unbelauschte Frauengespräche am frühen Morgen, kurz nach Sonnenaufgang. Und ein Versuch noch, ein letzter, auf die sanfte Tour.
In Sachen Männer war die Professorin offenbar schon emeritiert. Damals in Neuseeland, als die Bernardi frühmorgens zum Strand eilte, um Alina zu holen, hatte Sara gehofft, ihre Rivalinnen würden sich gegenseitig an die Gurgel gehen. Aber die beiden kamen schweigend zurück. Ohne Kratzer auf den Wangen. Und Chris war dann am Flughafen plötzlich wieder aufgetaucht […]

12

Ich werde also alt, sagte sich Bianca Bernardi, eine etablierte Professorin, alleinstehend, wenig beliebt – streng mit sich und der Welt, unnachsichtig. Immerhin noch in der Lage, im Kajak über den See zu paddeln, auch wieder zurück, immerhin noch keine senile Bettflucht. Den Mittfünfziger, der auch schon unterwegs war, trieb es wohl gewohnheitsmäßig früh aus dem Bett. Einer dieser lästigen Morgenmenschen. Hatte ihr sein Paddelblatt senfgelb entgegengeleuchtet?
Sie nahm die Brille ab, rieb gedankenverloren mit dem Putztuch die Gläser.
Was zum Teufel –
Ach was, sagte sie sich dann, stand auf, ging an den Arbeitstischen vorbei hinaus in den Flur, wartete auf den Automatenkaffee, diese schwarze Brühe, die in den Kartonbecher rann, trank, ohne einzuatmen, dieses verachtete laue Zeug. Wieder an ihrem Pult, zeichnete sie vom Poster an der Wand ein Linienmuster ab. Rauch, Röhren, Knollen. Deep ocean. Die tiefe Biosphäre. Die ewige Dunkelheit. Auf dem Poster glühen Manganknollen aus ihrem Inneren heraus, steigt aus Schloten heißes Gift. Darum herum riesige Röhrenwürmer. In ihnen Bakterien. Die verzehren den Schwefel. Energie aus Sulfid-Oxidationen, die Chemosynthese. […]

Rezensionen

Lies mal

«Mit viel Witz, aber auch profundem Wissen über die Meeresforschung treiben die beiden Autorinnen im Schreib-Ping-Pong die Geschichte vor sich her. Sie entfaltet sich wie eine Fahne, die im Wind flattert und uns eine Brise Meeresluft atmen lässt, inbegriffen Greenpeace, verkörpert durch Sara Winterstein, die zu viel weiss, das Wissen aber nicht immer einordnen kann und dazu noch über ihre Gefühle stolpert. Ein aktuelles wie auch köstlich zu lesendes Stück Literatur!»

  • Ruth Loosli
in Kulturmagazin Coucou am 2. November 2020 (PDF / Website)

Ruth Erat erhebt ihr Paddel

Die beiden Autorinnen nennen das Buch eine Romaneske, weil es von allem etwas drin hat: Roman, Satire, Krimi. […]

Die Fakten im Buch sind fundiert recherchiert. Ruth Erat hat sich bereits in ihrem letzten Buch intensiv mit der Meeresbiologie auseinandergesetzt und Fachliteratur dazu studiert. […] Die grösste Herausforderung war aber nicht die Aneignung der wissenschaftlichen Grundlagen, sondern die Darstellung des inneren Konflikts der Figuren oder wie Ruth Erat es ausdrückt: «Die Gesamtverantwortung als Mensch in einer Welt mit beschränkten Ressourcen zu leben, aber auch ein Individuum zu sein, das Lust am Leben hat, Träume und Karrierewünsche.»

  • Kim Berenice Geser
in felix. die zeitung. am 9. Oktober 2020 (PDF / Website)