Mojas Stimmen


Mojas Stimmen
Roman
Umschlag: Steinskulptur und Foto von Frank Hänecke, Val d’Osura, 2019
224 Seiten
12 × 20.5 cm
April 2021
Reihe: Caracol Prosa, Band 3
978-3-907296-05-9
  • 24 CHF
  • 24 €
Lieferbar

Paula ist Witwe, gegen 60 Jahre alt. Ihre Tochter Moja wird im Alter von 25 Jahren wieder zum hilflosen Kind infolge einer psychischen Erkrankung. Paula schwankt zwischen Entsetzen und Trauer, Hilfsbereitschaft und Wut. Moja schottet sich oft ab, ist unerreichbar in ihrer eigenen Welt, wo sie sich mit ihren «Stimmen» unterhält. Die Mutter muss die Verantwortung für ihr Kind, das sie liebt, zeitweise an eine Klinik abgeben. Doch Moja verweigert immer wieder die Medikamente.
Mutter und Tochterkind: ein prekärer Seiltanz der Emotionen, während Moja langsam in die Unselbständigkeit abrutscht. Aber die beiden bleiben einander zugetan und es gibt auch friedlich-liebevolle Momente.

Ruth Loosli schildert die tragischen Ereignisse, die Rettungsversuche wie die Fluchten der Mutter, das Abdriften und stille Leiden der Tochter berührend, aber nicht larmoyant. Was als Ich-Erzählung beginnt, wandelt sich zur Erzählung in der dritten Person, wobei abwechselnd das Erleben von Paula und Moja gezeigt wird. Das doppelte Seelenleben, wie es Ruth Loosli in ihrem ersten Roman berührend evoziert, bewirkt beim Lesen einen Sog, eine Spannung.
Psychische Krankheit ist ein Drama, kann aber auch zum Abenteuer werden, gar Humor wecken. – Was ist Normalität?

Textauszug

Es muss wie echt sein

Moja nimmt heute kein Telefon mehr ab. Sie hatte einen Anruf entgegengenommen, unabsichtlich, einfach, weil sie den Klingelton zum Schweigen bringen wollte.
Hallo, sagte sie.
Hallo, ist dort Moja Glaser?
Ja, die bin ich.
Oh, ich bin froh, dich endlich zu hören, sagte die Stimme und sogleich erkannte Moja die Tonlage ihrer Arbeitgeberin. Ihr wurde einen Moment schwindlig und sie stellte das Telefon auf Lautsprecher, ging mit dem Handy in die Küche. Sie setzte sich, legte das sprechende Ding auf den mit Tabakkrümel übersäten Tisch, zündete sich die angefangene Zigarette erneut an und ließ die Arbeitgeberin reden.
Moja blieb freundlich.
Sie fragte: Was haben Sie soeben gesagt, ich habe Sie nicht verstanden.
Wieder der Geräuschbrei aus Vokalundkonsonanten.
Ja, in Ordnung, sagte Moja, und auf Wiederhören.
Sie lacht.
Eine Stimme, es muss Marie sein, klopft ihr vom Kopf aus auf die Schulter.

Es muss wie echt sein, denkt Paula, wenn Moja Stimmen hört und Anweisungen. Sie liest sich im Internet durch die Foren, bleibt bei interessanten Beiträgen hängen. Sie kann sich allmählich vorstellen, was bei ihrer Tochter abgeht. Es ist eine Krankheit, die die Wahrnehmung von Realität verschiebt. Und sie hat diesen schrecklichen Namen: Schizophrenie. Das Wort knirscht in ihren Gehörgängen, als wäre es Schmirgelpapier in grober Körnung.
Sie versucht, ihre Tochter telefonisch zu erreichen. Sie sollte mit ihr die Zahlungen besprechen. Die flattern beinahe täglich ins Haus: Arztrechnungen, Steuern und Versicherungen. Alle fordern einen größeren oder kleineren Betrag. […]

Ver / irren