Schaf und Schatulle


Schaf und Schatulle
Schaf und Schatulle
Cover: Foto von Markus Stegmann
120 Seiten
12 × 20.5 cm
Reihe: Caracol Prosa, Band 14
978-3-907296-31-8
  • 20 CHF
  • 20 €
Lieferbar ab 30. April 2024

In seinen an Gedankenfäden aufgereihten Kurztexten nimmt Markus Stegmann uns mit in ein bildhaftes Philosophieren, das nachdenkenswert und zugleich unterhaltsam ist. Viele der 267 mit einem Stichwort betitelten Prosastücke führen auf wenigen Zeilen zu unerwartet skurrilen oder absurden Wendungen.
Die Lektüre bietet surreale Minigeschichten, meditative Passagen, aber auch Zeit- und Gesellschaftskritik mit doppeltem Boden. So begegnet das Erzähler-Ich bedrohlichen Riesen – und fragt sich im Gespräch mit dem Nachbarn mehrdeutig, ob man Riesen noch Riesen nennen darf. Dieses Ich hat eine eigenwillige Art die Welt zu betrachten, bald schwermütig, bald humorvoll, gelegentlich mit Selbstironie. Bald scheint der Erzähler in Depression oder gar Demenz abzugleiten, bald packt ihn die Abenteuerlust und er bricht auf in unendliche Phantasiegefilde. Er lebt in einem «abgewohnten Schloss», schwingt sich beflügelt hinauf in den Luftraum darüber und fliegt schliesslich in einer kleinen Kapsel hinaus in den Weltraum, wohin ihm sein «imaginäres Schaf» folgt. Gemeinsam betreten sie den Mond. – Die Gedanken-Salti des Erzählers sind erheiternd, doch entspringen sie ernsthaftem Nachdenken über den Zustand unserer Welt.
Der Autor ist Kunsthistoriker, was in der Bildhaftigkeit vieler Texte spürbar wird. Das Gegenüber von Wahrnehmung und Vorstellung wird thematisiert wie auch das Ringen um Kreativität – in Bild oder Text – zwischen Emotion und Ratio.

Textauszug

70 Abendtisch

Ich denke über meinen Alltag nach, doch ich komme nicht weit. Entweder erscheint er mir zu banal oder zu komplex. Daher wünsche ich mir meinen Alltag im selben Masse weniger banal und weniger komplex. Aber weder Wünschen noch Denken hilft. Ich sitze an meinem Abendtisch. Vor mir liegen das Brot und der Teller. Und ein hartes Ei ist auch dabei. Wir schauen uns verwundert an, doch niemand sagt etwas.

71 Ei

Manchmal habe ich das Gefühl, ich sitze in einem lichten Ei. Nicht in einem so kleinen, harten, wie gestern Abend, nein, in einem lichten, freundlichen Ei, in welches ich problemlos hineinpasse. Ist doch merkwürdig, denke ich, da sitze ich in einem lichten Ei und schon ist die Welt merklich freundlicher zu mir.

72 Vogel

Manchmal kommt es mir so vor, als sei ich ein Vogel hoch oben in der Luft. Schön aufgeräumt sieht die Welt von oben aus. Nachdem ich zu denken aufgehört habe, stelle ich fest, dass ich gar nicht fliege. Die Welt dort unten dreht sich wie ein Ball.

73 See

Einmal im Monat gehe ich an den See. Ich gehe an den See, um mein Bild vom See aufzufrischen. Ich setze mich immer genau an dieselbe Stelle am Ufer und sehe auf den See hinaus. Doch dieses Mal kann ich den See nicht sehen, obwohl mir niemand die Sicht verstellt. Millionen von kleinen, silbrigen Wellen schnappen mir wie hungrige Möwen den See weg. Sie schützen ihn vor meinen Augen.

223 Bilder

Ich fürchte, ich kann die Frage nach den Weltraumwürmern nicht schlüssig beantworten, noch weniger, ob sie es sind, die die schwarzen Löcher ins All fressen. Die unheimlichen schwarzen Löcher erinnern mich an mein kleines, schwarzes Loch zu Hause. Wahrscheinlich hing dort einmal ein Bild. Ich würde mir die potentiellen Bilder vor den schwarzen Weltraumlöchern gerne genauer ausmalen. Wie gross müssten sie wohl sein, und was wäre auf ihnen zu sehen? Aber wären diese Bilder überhaupt Bilder?

224 Weltraumschaf

Derart in Rätselfragen gefangen, nehme ich plötzlich einen hellen Punkt wahr, der sich mir mit hoher Geschwindigkeit nähert. Ich bekomme Angstzustände und betätige hektisch irgendwelche Schalter, um meine Kapsel vom Fleck zu bewegen. Nur weg hier, bevor es zur Kollision kommt! Als ich panisch aus dem Bullauge starre, erkenne ich eine zweite Kapsel, die direkt auf mich zuhält. Glücklicherweise verlangsamt sie zunehmend ihre Fahrt, je näher sie kommt. Nicht weit von mir hält die Kapsel schliesslich an, die erstaunlicherweise meiner gleicht. Und im Bullauge erscheint mein vertrautes Schaf.

225 Papier

Ich bin gerührt. Wie kommt es zur Weltraumfahrt des Schafs? Offensichtlich hat es mich gesucht und tatsächlich sogar gefunden. Entgegen aller Wahrscheinlichkeit. In der unendlichen Weite des Alls. Aber warum? Möchte es mir etwas mitteilen? Herrscht auf der Welt eine Notlage? Ich schreibe mit einem dicken Filzstift auf ein Blatt Papier und halte es gut sichtbar an mein Bullauge: «Warum gekommen?» Das Schaf wendet den Kopf ab, und nach einer Weile erscheint ein Papier mit der Aufschrift: «Weiss nicht / Ist ja egal.» Ich antworte: «Was nun?» Das Schaf: «Auf zum Mond!»