Wie ein Bisam läuft


Wie ein Bisam läuft
Erzählung
circa 90 Seiten
Reihe: Caracol Prosa, Band 2
978-3-907296-01-1
  • 20 CHF
  • 20 €
Erscheint demnächst

Der unerklärlich faszinierende Geruch eines Mannes und Erinnerungen an die Kindheit als Jüngste in einer dysfunktionalen Familie – eine Frau begibt sich auf Spurensuche. Das hat überraschende Folgen für ihr Leben.
Zufällig bemerkt Wanda im Café einen älteren Mann, der sie zu beobachten scheint. Als er an ihrem Tisch vorbeigeht, atmet sie seinen Geruch ein. Viel später findet sie den Mann unerwartet in einem Park wieder. Es kommt zu einer schwierigen On-Off-Beziehung.
Bei seltenen Kontakten mit dem Vater, den die Mutter vor die Tür setzte, als Wanda vier Jahre alt war, sowie in Gesprächen mit den viel älteren Schwestern Agnes und Verena wird das Rätsel Mutter – eine gefeierte Pianistin – umkreist. Es bleibt ein Rätsel, auch beim langsamen Sterben der Mutter.
Knapp, in Andeutungen und doch mit viel Atmosphäre, erschreibt Erica Engeler einen Seelenraum, der sich über die Aussenwelt stülpt.

Textauszug

IRGENDWANN STELLTE ICH FEST, dass ich mir den Geruch des Mannes nicht mehr vergegenwärtigen konnte. Es hätte eine Erleichterung sein können, ein natürlicher Schlusspunkt. Doch umso heftiger lebte das Verlangen, ihm auf die Spur zu kommen, neu auf. In einer derart überschaubaren Stadt hätten sich unsere Wege doch längst kreuzen müssen, woraus zu schließen war, dass er seinen Wohnort gewechselt haben musste oder damals nur geschäftlich hier geweilt hatte. Die Erfolgschancen waren zunehmend unrealistisch, da sogar sein Geruch nicht mehr als konkrete Erinnerung abrufbar war, sondern nur noch als Verlust. […]

Ob schon zu dieser Zeit Mutters seltsames Vor-sich-hin-Murmeln neu in meiner Erinnerung aufgetaucht war, weiß ich nicht, aber ihre ständige Nervosität und das leicht heisere Timbre ihrer Stimme an gewissen Tagen brachte ich in späteren Grübeleien vermehrt damit in Verbindung.
Eine Affenmutter wird man aus mir nicht machen können, hörte ich sie noch einmal, in einer frühen Erinnerung, zu ihrer Schneiderin sagen, die sich, mit Nadeln im Mund, an ihrem Saum zu schaffen machte und mich dabei mit ihrem warmen Blick streifte, was beglückend war, sich aber auch wie Verrat anfühlte.
Unter Bisam stellte ich mir damals so etwas wie einen Büffel vor, riesig und zottig, mit großen gebogenen Hörnern und sturem Blick, der schnaubend neben Mama herlief und ihr auf geheimnisvolle Weise zugetan war.
Als ich es Jahre später genauer wissen wollte, machte ihn das Lexikon zu einem kleinen, aus Amerika importierten Nagetier […]