Wintersee


Wintersee
Wintersee
Roman
Cover: Foto von Lukas Erat
184 Seiten
12 × 20.5 cm
April 2025
Reihe: Caracol Prosa, Band 16
978-3-907296-36-3
  • 23 CHF
  • 23 €
Lieferbar

Ruth Erats Roman «Wintersee» ist ein Abtauchen in die Erinnerung, auf mehreren Zeitebenen, die auf- und abschaukeln wie Wellen im See. Julia, die Ich-Erzählerin, ist am Bodensee aufgewachsen, zum Studium weggegangen, hinaus in die Welt, viel später mehrmals zurückgekehrt an den Ort ihrer Kindheit, fast wider Willen und doch mit Absicht. Sie nimmt die Beziehung zu Pierre wieder auf, dem Gefährten ihrer Kinderjahre und frühen Jugend. Pierre ist als Bildhauer am See geblieben.
Antrieb des Erinnerns ist die Trauer um den Geliebten, der während eines gemeinsamen Kajak-Ausflugs bei stürmischem Wetter im «Wintersee» verloren ging. Szenen aus der Kindheit: die kühne Schlittschuhfahrt des Schulmädchens über den 1963 zugefrorenen Bodensee; Julias Vater, der seinen Kindern von Moby Dick erzählte. Pierres Tagebuch tut weitere Zeitebenen auf: eine Reise mit seiner alten, bereits dementen Mutter in ihre Heimat, die Dolomiten – dort die letzten Tage des Zweiten Weltkriegs.
Hinter dem Einzelschicksal stehen grundsätzliche Fragen zur prekären menschlichen Existenz, gespiegelt in Volksliedern, Märchen, Sagen, Balladen. Ruth Erat verknüpft die berührende Geschichte von Pierres Verschwinden mit philosophischen Gedankengängen, historischen Tatsachen und intensiven Naturschilderungen.

Textauszug

Ich erzähle mich in den Schlaf und durch den Tag

Ich erzähle mich in den Schlaf und durch den Tag. Auch heute. Solange ich erzähle, ist die Geschichte nicht an ihr Ende gekommen.

[…]
Endlos scheint es zu laufen, dieses Kind.
Die Spuren werden weniger. Dann verlieren sie sich.
Es gibt Risse, über die das Kind hinwegsetzt. Weit weg kracht es. Das Kind fährt voran. Fern rollt ein Donnern.
Das Kind will wenden und wendet nicht und gleitet weiter und steht nirgendwo still.
Es ist allein.
Es ritzt seine Spur ins weglose Eis.
Vor ihm liegt die nie zuvor betretene Fläche.

[…]
Das Kind zieht einen Bogen, läuft wieder auf den See hinaus, fährt zurück. Gleitschritt für Gleitschritt. Voran. Voran. Nicht innehalten. Nicht zögern. Weiter und schneller. Schneller.

[…]
Eine Wolke aus Stickereistichen steigt vom brüchigen Grund auf. Wenn Wind weht, ziehen sich die Fäden auseinander, verwirren sich, treiben fort, sinken anderswo nieder, verknoten sich wieder. Eine Schere zerschneidet erneut Gewebe und Garn. Eine Nadel fügt anders zusammen. Ein Bild entsteht, ein Wimpel, ein Seidenband, eine Bordüre. Der Wind hebt sie neu empor, lässt sie fliegen.

[…]
Du wirst sehen, hatte Pierre gesagt, im Winter ist es auf dem See schön wie nie. Um uns alles weit und still. Und unter uns schwimmt die Welt.

Ich wende, hatte ich gerufen.
Ich hatte gewendet.
Der See wogte unter meinem Boot auf und nieder.
Mich trieb die Angst voran.
Ich floh.

Ich stürzte mich unter heißem Wasser in ein sinnloses Reden: Wenn einer unglücklich ist. Wenn sich einer einfach in die Kälte legt. Wenn einer im dunklen Winterwasser treibt, müde, allein, meerwärts unterwegs.
Ich drehte das heiße Wasser weiter auf. Die Haut brannte. Nichts sollte sein als dieser Schmerz.

Rezensionen

Sind wir alle zur Lüge verdammt?

Philosophische und sagenhafte Reflexionen

Die Auseinandersetzungen zwischen Pierre und der Ich-Erzählerin ziehen sich durch den Roman und entwickeln sich auf einer anderen Ebene zu einer bildgewaltigen mal philosophischen, mal buchstäblich sagenhaften Reflexion über die Stellung des Menschen in der Welt. Nicht mehr und nicht weniger. Julia teilt durchaus Pierres skeptische Grundhaltung, wonach den Menschen die Welt die meiste Zeit fremd ist. Ja, ihnen auch feindlich vorkommt. Die Schilderung, wie sie als Kind bei einer ‹Seegfrörni› mit Schlittschuhen den vereisten See überquert, ist atemberaubend.

[…]

Die Ich-Erzählerin ist sich sicher, dass das in Pierres Atelier vorgefundene Büchlein für sie bestimmt ist. Das Tagebuch seiner Reise mit der an Alzheimer erkrankten Mutter in die Dolomiten. So viel scheint klar zu sein: Sie war damals an jenem Wildsee zuhause, als die deutsche SS prominente Gefangene dorthin entführt hatte, Geiseln für potenzielle Verhandlungen.

Wie die Autorin die Tagebucheinträge dieser Nachkriegsszenarien auf dem Bahnhof beschreibt, Pierres Mutter mittendrin, drängt sich vor dem inneren Auge eine Szene aus ‹Casablanca› auf, in der Humphrey Bogart inmitten der Kriegswirren auf einem Pariser Bahnsteig vergeblich auf Ingrid Bergman wartet.

Was passiert sein könnte damals auf dem See

Das ist das Verblüffende an Pierres Reaktion auf die Alzheimer-Demenz der Mutter: Obwohl er alles Erinnern für eine konstruierte Lebenslüge hält, weiss er: Ohne diese vermeintlichen Erinnerungen sind wir alle leere Hüllen. Wir brauchen diese Vorstellung eines gelebten Lebens, sonst werden wir irre. Vielleicht ist dieses Nicht-Aushalten des Zufalls der Grund für das Fremdeln des Menschen mit der Welt. Und so schält sich langsam eine Wahrheit heraus, was passiert sein könnte an diesem stürmischen Novembertag auf dem See.

Aller existenziellen Fremdheit des Menschen in der Welt zum Trotz kann die Ich-Erzählerin, eine auch politisch wache Beobachterin, angesichts der wirklichkeitseinflössenden Gegenwart der Schwäne nicht anders als ausrufen: ‹Herrgott noch mal, die Welt, Pierre, die Welt!› Der Roman endet mit einem besonders wunderbaren Satz inmitten vieler wunderbarer Sätze in Ruth Erats Roman: ‹In mir lebt einen Nu lang diese einzige Gewissheit um eine Welt, die fremd ist, fern und schön.› Wer sich auf den ‹Wintersee› begibt, wird mit grossem Gedankenreichtum belohnt.

  • Maria Schorpp
in thurgaukultur.ch am 23. Juni 2025 (Website)

Wie viele Schichten hat die Erinnerung?

Ruth Erats Roman «Wintersee» ist ein literarisches Echo der Erinnerung, ein still vibrierender Text zwischen Erinnerungsfragmenten, Kindheitsträumen und politischem Bewusstsein. […]
Schon im Titel liegt die zentrale Metapher des Romans verborgen: Der ‹Wintersee› ist kein einfacher Schauplatz, sondern ein Erinnerungsraum, ein kollektives und zugleich persönliches Archiv. Ein See, der im Winter still daliegt, vereist vielleicht, glänzend in milchigem Blau, an manchen Stellen so dunkel, dass man hineinstürzen möchte, nur um zu sehen, ob es wirkliche einen Grund gibt. […]
Der Roman beginnt leise und bleibt leise. Da ist das Kind auf dem Eis, ein Mädchen vielleicht, oder ein Bub, das Menschliche jedenfalls, das Vergängliche. Es redet sich die Welt zurecht – so, wie wir alle es tun. Doch was auf der Oberfläche wie ein melancholischer Rückblick wirkt, entpuppt sich als mehrschichtige Erzählung über das Erinnern und das allmähliche Vergessen. […]
Erats Roman ist in der beschleunigten Gegenwart der Reizüberflutung von Social-Media-Feeds und dem performativen Popkultur-Framing ein intellektuelles Entschleunigen. Leise, fliessend, nicht immer sofort erklärbar, kein oberflächliches Entertainment, sondern bewusst in der Sprache verankert. […]

  • Viviane Sonderegger
in Saiten - Ostschweizer Kulturmagazin am 27. Mai 2025 (Website)

Vertrautes, ewig fremdes Gewell

[…] Diese Kindheitserinnerungen tauchen hier und da in «Wintersee» auf, sie sind eine der vielen Erzähl- und Reflexionsschichten des Romans, der eine späte Begegnung zweier am See aufgewachsener Menschen umkreist – Julia und Pierre. Ihre Wege haben sie auseinandergetrieben, nun kehren die beiden zurück an den Ort, der einst durch eine tragende Eisschicht mit dem deutschen Ufer verbunden war. Und es scheint durch, was im Bewusstsein versunken schlummert: eine Liebesgeschichte, Bruchstücke der Familiengeschichte,Verdrängtes aus der Spätphase des Weltkriegs.

Damit nimmt Ruth Erat den Begriff «Geschichte» verblüffend wörtlich, sie entzieht sich den Erwartungen an eine wohlgeordnete, einstimmige, zeitlich klar strukturierte Erzählung. Eher erinnert «Wintersee» an experimentelle Spielarten des französischen Nouveau Roman – der interessanterweise gerade seine Blütezeit hatte, als die Autorin noch Kind am See war, bei oftmals «gageligem» Wellengang den Kopf übers Wasser streckte. […]

  • Bettina Kugler
in St.Galler Tagblatt am 26. Mai 2025 (Website)
in Thurgauer Zeitung am 26. Mai 2025

Dieses Buch wurde gefördert von

  • Kanton Appenzell Ausserrhoden, Amt für Kultur, Kulturförderung
  • Kultur St.Gallen Plus, Kulturförderung
  • Stadt St.Gallen, Kulturförderung