Das Meer im Dachstock


Das Meer rauscht im Dachstock – elektronisch, illusorisch –, brandet gegen die Brandmauer, umspült Balken und Riegel, Gischt sprüht zur Luke hinaus. Knarrende Masten im First, zappelnde Fische im Kopf: Erinnerungen, das Meer, das Meer.
Aus sandigem Schlick steigt es gurgelnd auf, rasch wandert der Silberstreifen im Mondlicht heran, wird breit und breiter, schon schäumt es, klatscht es gegen die Mauern am Mont-Saint-Michel. Leuchtplankton wirft es nächtlich aus, vor deine erstaunten Füsse, an der Pazifikküste Mexikos. Überwirklich flimmert es in karibischer Mittagshitze, schaumgeboren ein brauner Junge treibt wiehernde Pferde aus der Flut. Zuckende Blitze spiegelt es, rasend nachtlang in Sperlonga. Blauester Blautopf im Süden von Kreta. Das Meer, das Meer, grün und stahlblau, bleiern, gläsern. Türkis schillernde Wasserwelt der Malediven – tauchst du auf aus dem ewig kreisenden Kaleidoskop der Korallenfische: da ziehen stolz die Dhonis, weiss-geblähte Zacken die Segel, alles ist Blau und Horizont, kein Ort zum Stehn.
Das Meer, das Meer, schmeichelnde Seide und flüssiges Eisen, Kühle und Salz, lockender Strudel. Urmeer, Traummeer, Seelenmeer, umgewälzt Nacht für Nacht. – Weit der Weg von den fusslosen Ahnen, die einst sich schleppten an Land, zum elektronischen Wogenklang, zum Meeresrauschen ab Tonband, ungreifbar, trocken und geruchlos. Und doch, es steigt die Flut, füllt mit Urkraft den Dachstock, die Matratze wiegt sich, langsam treibe ich ab.

© Irène Bourquin

Der Text ist aus: Irène Bourquin, Das Meer im Dachstock, Lyrik und Kurzprosa, Pendo Verlag, Zürich 1995.
Das Buch ist direkt bei der Autorin noch erhältlich.

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