Fremd bin ich eingezogen


Cartagena de Indias

Durch die hölzernen Gitterstäbe
meines Fensters erblicke ich
unter den Palmenblättern
das von Flügeln und Wasserspeiern
gerahmte sphinxlächelnde
Engelsgesicht das den schwarzen
Menschen aus Afrika die hier
in Ketten die neue Welt betraten
den Indigenen der Sierra Nevada
de Santa Marta als Inbegriff des
Absurden des Bösen erschienen ist
einem Gekreuzigten zu huldigen
und seinen sphinxhaften Dienern
statt dem Kosmos als Ei unten
die Finsternis in fünftausend Metern
Höhe die Götter dazwischen auf
der Sierra die grossen Brüder
die Menschenkinder die wir sind

Strassenhändler

Der alte Händler mit seinem offen
um den Hals gehängten Hausiererkoffer
ist im nächtlich dünn werdenden
Verkehr noch immer auf der Strasse
wandert vor der Tiefgarage auf und ab
keine hundert Schritte entfernt
von der breiten Carrera auf dem
Rücken stets die Gitarre im Futteral

Die Nacht ist mild sagt zu mir
die junge Frau vor dem Hoteleingang
la noche es linda Medellín
bei Nacht ist samten sagt die junge
Schöne und küsst mich unvermittelt
el amor es dulce die Liebe ist süss
sollte ich ihr denn widersprechen
in der Betonwüste im Tal der Anden?

© Jochen Kelter

Aus: Jochen Kelter, Fremd bin ich eingezogen, Caracol Verlag, Warth 2020.

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