Wila


Wila hat Olga

Olga ist ein Huhn und lebt auf dem Land. Olga legt fast jeden Tag für Wila ein Ei. Wila lebt in der Stadt und holt die Eier immer am Ende der Woche ab, also am Samstag. Wenn Wila die Eier abholt, bedankt sie sich bei Olga. Sie nimmt das Huhn auf den Arm und krault es unter den Flügeln. Das mag Olga besonders. Olga wird alt, sagt der Bauer, Olga mag keine Eier mehr legen, sie kommt bald in den Kochtopf. Aber Wila mag Olga nicht essen, schließlich hat Olga ihr so viele Eier geschenkt. Der Bauer wird Olga wohl als Suppenhuhn für die eigene Familie zubereiten. Dagegen kann Wila nichts tun. Wila wird sich mit einem neuen Huhn anfreunden müssen. Und sie wird es Olga nennen.

Wila und Johannes

Ein junger schlaksiger Mann hält eine Rede, aber Wila sieht keine Zuhörer. Sie selber ist unterwegs, um eine Trauerkarte zu kaufen. Der junge Mann verwirft die Hände und ruft, dass die Apokalypse nahe sei. Wila mag nicht stehen bleiben, obwohl sie sich für dieses seltsame Wort und den Rufer interessiert. Der Mann hält in seiner Rede inne, schaut sich um, ob wirklich niemand zuhören mag und ruft: «Ich heiße Johannes und wünsche Ihnen einen schönen Tag!» – «Das wünsche ich Ihnen auch», meint Wila friedfertig. «Danke», strahlt Johannes und zieht von dannen wie einer, der sein Tagessoll erfüllt hat.

Wila in der Waschküche

Wila hängt spät abends Wäsche auf, unten im Trocknungsraum. «Welches Arschloch lässt wieder das Licht brennen?», ruft eine erboste Stimme durch das Treppenhaus. Und da der Mensch mit Stimme nicht damit rechnet, eine Antwort zu erhalten, kommt er polternd das letzte Stück Treppe hinunter. «Ich», grinst Wila, als der Nachbar vor ihr steht und sie verblüfft anschaut. Und sie streckt die Hand hoch, wie damals, als sie sicher war, die richtige Antwort herausgefunden zu haben.

Wila und der General

Der Mann heißt Herr Viereck und ist ein General. Herr Viereck hat einen runden Kopf, damit er denken kann. Er muss die Pläne gegen den Feind aushecken. Der Feind sitzt hinter der Hecke und hütet seine Raketen. Ab und zu zündet dieser eine, damit alle erschrecken. Er merkt nicht, dass er ein Idiot ist und den General, der Pläne ausgeheckt hat, zum Reagieren zwingt. Jedenfalls meint Herr Viereck, dass er reagieren muss, und zwar mit Raketen seinerseits – Wila versteht die Kriegstaktiken der Herren nicht, dennoch plädiert sie dafür, sämtliche Hecken zu entfernen.

© Ruth Loosli

Die Texte sind aus: Ruth Loosli, Wila, Geschichten, DIE REIHE, Band 5, herausgegeben von Markus Bundi, Wolfbach Verlag, Zürich 2011.

Zurück zum Archiv.