Staub


Ich kann noch immer die Nase öffnen und den Staub von Zamalek einatmen, diesen feinen hellbraunen Staub, der einen süsslichen Duft verströmt und alles bedeckt: Die hohen Hausfassaden, die Autos, die in doppelter und dreifacher Reihe die Strassen säumen, die Gehsteige, die Gummibäume, die roten Karkadebüsche und Bougainvilleas, deren Blütenpracht selbst im Sonnenlicht matt erscheint. Der Staub bedeckt die Katzen, die einander nachjagen, die Männer, die in Gruppen vor den Häusern oder mitten auf der Strasse stehen, miteinander reden und mit einem Auge gleichzeitig die Umgebung wahrnehmen. Er bedeckt ihre Schuhe, ihre Hosen, ihre Pullover, ihre Haut und ihr Haar. Immer wirken sie, als würde der Tag bereits hinter ihnen liegen.

Die staubbedeckten Strassen von Zamalek sehen fast aus wie Feldwege; die fliegenden Händler, immer im Kaftan, die an den Kreuzungen auf Holzkarren Waren anbieten passen perfekt in dieses Bild. Sie verkaufen Früchte, Gemüse oder Süsskartoffeln, die in kleinen Holzöfen auf offenem Feuer gegart werden. Ihr Duft verbreitet sich im ganzen Quartier und lockt Kundschaft an, die sich die Kartoffeln aus der Glut holen lässt. Schnell werden sie auf kleine Plastikteller bugsiert, mit einer geübten Bewegung aufgeschnitten und aus ihrer kohlschwarzen Haut leuchtet ihr betäubendes, orangefarbenes Inneres. Nur an einer der Kreuzungen – direkt vor Orio – bietet ein junger Mann, der einen lächerlichen asiatischen Strohhut auf dem Kopf trägt, frisch gemachte Sushis an. Auf seinem Verkaufsstand klebt das Label einer Restaurantkette.

Der Staub liegt fein auf den Schaufensterscheiben der Geschäfte, die die Strassen säumen und den Blick öffnen in schillernde, blankgeputze Innenräume. Herrenmode und dezente, langärmlige Damenmode, Schuhe, Knöpfe in allen Farben und Formen, Artikel zum Malen, Schmuck, Haushalt- und Schreibwaren, Glühbirnen jeder Façon, Toilettenartikel, Medikamente, Süssigkeiten und Nüsse. Man findet alles in den Strassen von Zamalek, selbst einen Nespresso-Laden, einen Apple Shop und eine Bäckerei mit dunklem, rechteckigem Brot, gebacken für die Expats und Touristen, die hier wohnen, und bereit sind, jeden Preis für die braunen Würfel zu zahlen. Dazwischen kaum sichtbar, im Schatten der Häuser: zahnlose alte Frauen, die auf den Gehsteigen kauern, vor sich auf einem Pappkarton ein Häufchen Papiertaschentücher, Kinder mit wirren Haaren und löchriger Kleidung, die Limetten oder Orangen einzeln verkaufen. Auch auf sie fällt der Staub. Unablässig.

Er fällt auf alle Menschen, die sich auf den Strassen von Zamalek bewegen – unentwegt müssen sie den Autos ausweichen. Er fällt auf die Schülerinnen und Schüler, die nachmittags in ihren grauen Einheitskleidern aus den Privatschulen strömen, lachend, tratschend, Mäppchen und Bücher unter ihre Arme geklemmt. Er fällt auf die Frauen mit ihren langen Abayas, unter denen bunte Einkaufstaschen hervorragen, auf die Männer in ihren breiten, ausgelatschten Sandalen. Er fällt auf die Geschäftsfrauen und Geschäftsmänner in ihren schwarzen Anzügen, auf die Wächter vor der koptischen Kirche, die nur durch eine Sicherheitsschleuse betretbar ist. Er fällt auf ihre dunklen Uniformen, ihre Gürtel und ihre Pistolen. Er fällt auf die Gläubigen, die in schönen, langen Kleidern und Anzügen auf die Kirche zugehen oder sich von Taxis bis zu den Absperrungen fahren lassen, die die Kirche umgeben. Er fällt auf die Botschaften und auf die Villen, die direkt ans Ufer des Nils grenzen. Von ihren grossen Gärten sind nur die Palmwipfel zu sehen, denn sie sind von hohen Zäunen, Mauern und von Betonblöcken umgeben. Er fällt auf ihre Wächter, die auf wackligen Stühlen vor ihren Toren sitzen. Auf die Soldaten, die mit geschulterten Gewehren vor den Umzäunungen hin- und hergehen. Er fällt aufs Ufer des Nils, wo der Unrat von den Wellen bewegt wird: Petflaschen, weisse Plastiktüten und -teller, Dosen und Schuhe. Er fällt und fällt.

© Viola Rohner

Aus: Viola Rohner, Zamalek-Skizzen, entstanden während eines Atelieraufenthaltes in Kairo (Stipendium von Pro Helvetia), Dezember 2018 bis Februar 2019.

Der Text ist hier erstmals publiziert.

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